In „Halt auf freier Strecke“
spricht der todkranke Familienvater Frank Lange in sein Handy: „Hallo.“
„Hallo“, antwortet es sogleich aus dem Apparat, mechanisch verfremdet. „Ich
habe einen Gehirntumor.” Unmittelbar darauf folgt das Echo. Kalt, emotionslos. Frank
Lange hat Freude an dem Gerät, er spielt damit, er lacht. Und fragt dann,
plötzlich ernst: „Wie sage ich es meinen Kindern?“. Doch die Maschine gibt
keine Antwort, sie repetiert nüchtern „Wie sage ich es meinen Kindern?“. Dann
ist es still. Verlassen sitzt Frank Lange auf einem Stuhl.
Der Kranke weiß, dass die
Information über seinen nahenden Tod starke Gefühle bei seinen Kindern auslösen
wird: Angst, Wut, Verzweiflung. Gefühle, in denen er selbst noch gefangen ist. Doch
er sucht, sie zu überwinden, vernünftig zu sein, um seine Kinder zu schützen.
Er will ihnen nicht ungefiltert seine Last aufbürden. Er denkt rational. Die
Liebe und Verantwortung, die er empfindet, erweisen sich als noch stärkere
Gefühle. Sie treiben ihn, die Frage zu stellen, ein Problem zu erkennen. Sie
sind die Motivation, eine rationale Lösung zu finden.
Gefühle sind Teil der
menschlichen Natur, ebenso die Fähigkeit zur Rationalität. Beides sind
Werkzeuge, die notwendig sind, das eigene Überleben und auch das der Art zu
sichern.
Doch während das ganze
Spektrum der Emotionen von Beginn an nahezu vollständig vorhanden ist, ist es
die Rationalität nicht. Der Mensch kommt nicht vernünftig denkend zur Welt, sondern
nur Vernunft begabt.
Diese Begabung kann
individuell unterschiedlich ausgeprägt sein. Sie ist möglichweise, wie andere
Talente auch, in unterschiedlichem Maß auf die Individuen verteilt. Darüber
hinaus muss Rationalität selbst erworben werden. Von kleinen Kindern erwarten
wir kein rationales Handeln. Wir wissen, dass sie es erst lernen müssen, wie
laufen, sprechen oder integrale Gleichungen lösen.
Dieser Unterschied könnte
auch verantwortlich dafür sein, dass dem Handeln ein anderer Wert beigemessen
wird, je nachdem, ob es vom Gefühl oder vom Verstand geleitet wird. Das
rationale Handeln gilt als überlegen. Es wird als Zeichen von Reife und
Intellektualität wahrgenommen und im Allgemeinen höher bewertet. Das emotional
dominierte Handeln ist mit gegenteiligen Attributen belegt. Pure Emotionalität
bei Erwachsenen gilt als unreif, kindisch, dümmlich und sogar peinlich. Davon
ausgenommen, wenn auch nur zeitlich befristet, sind sehr starke existentielle
Gefühle wie Trauer, Schmerz oder Freude.
Eine weitere Differenzierung
ist die Umgebung, in der die Handlung stattfindet. Im privaten Rahmen ist
durchaus ein wesentlich höherer Grad an Emotionalität erlaubt, in der
Öffentlichkeit deutlich weniger und im beruflichen Umfeld wird ein gefühlsbetontes
Handeln häufig sogar mit Inkompetenz und Unprofessionalität gleichgesetzt. Ein
emotionales Argument hat kein Gewicht und es entwertet auch den Vortragenden.
Ein „Das fühlt sich für mich falsch an.“ oder „Ich habe dabei ein gutes
Bauchgefühl.“ wäre das Ende einer jeglichen Managerkarriere.
Die Erwartung an rationale
Entscheidungen steigt proportional zur Hierarchie des Handelnden. Ein Grund
dafür könnte sein, dass die leitenden Funktionen mit mehr Verantwortung betraut
sind und ihre Entscheidungen Auswirkungen auf viele Menschen, große Geldbeträge
und lange Zeiträume haben können.
Wir erwarten, dass
Entscheidungen schlüssig aus Fakten abgeleitet werden. Objektiv. Darauf stützt
sich unser Vertrauen. Deshalb sind wir bereit, auch Härten zu ertragen, die
daraus entstehen. Wir glauben an die Vernunft und daran, dass die Vernunft den einzig
richtigen, den besseren Lösungsweg kennt.
Und genau das ist nach meiner
Ansicht ein Fehler: Rationalität sollte nicht mit Objektivität verwechselt
werden. Sie ist vernunftgeleitet, aber auch, und das ist entscheidend:
zweckmäßig. Man kann über die Rationalität also höchstens sagen, dass sie unter
Zugrundelegung der ausgewählten oder auch nur der bekannten Fakten geeignet
ist, bestmöglich einen bestimmten Zweck zu erfüllen.
Um eine rationale
Entscheidung bewerten und beurteilen zu können, reicht es nicht aus, den
souverän vorgestellten Lösungsweg zu kennen. Eine Prüfung sollte den Fakten und
deren Quellen gelten. Denn bereits die Auswahl und Gewichtung der Fakten sind
subjektive Prozesse. Auch wissenschaftliche Ergebnisse sind im besten Fall nur
so gut wie die Instrumente, die dafür zur Verfügung stehen. Die Erkenntnisse,
die daraus gewonnen werden, sind immer nur Erkenntnisse ihrer Zeit. Sie stehen
unter dem Einfluss der kulturellen und auch technischen Entwicklungsstufe, der
Religion, der herrschenden Ethik.
Als die Menschen im
Mittelalter glaubten, dass die Pest eine von Gott gesandte Strafe war, war
diese Erklärung durchaus rational hergeleitet. Ohne Kenntnis der Existenz von
Yersinia Pestis und mit einem übergroßen Einfluss der Kirche war das ein
nachvollziehbarer Schluss. Dass man in weiten Teilen Europas den Juden dafür
die Schuld gab und dieses schrecklich ahndete, war ebenfalls rationales
Handeln, aber deshalb weder richtig noch gut.
Eine weitere Prüfung einer
vorgetragenen Rationalität sollte den Zweck hinterfragen. Eine bestimmte
Aufgabe kann zu sehr unterschiedlichen Lösungen führen, jede für sich
schlüssig, nachvollziehbar, vernünftig. Die wichtigen Fragen sind: Wem nutzt
das? Was ist die Motivation?
Motivation und Zweck hängen
unmittelbar zusammen. Die Motivation ist der Anfang. Sie ist der Motor des
Handelns und in den meisten Fällen eine Emotion. Ist in einer
Unternehmensführung die Motivation Gier, dann ist der Zweck des Handelns die
Gewinnmaximierung und der Weg sind Lohndumping, Entlassungen und Outsourcing. Ein
schlichtes Überleben der Firma und ihrer Angestellten ließe sich vielleicht
auch mit anderen Mitteln erreichen. Entscheidend ist die Motivation. Sie
beschreibt das Problem, von ihr gehen die Fragestellung und die Zielsetzung
aus. Damit entscheidet sie auch über die Argumentationskette.
Lassen sich also Verstand
und Gefühl trennen? Ich meine: nein. Rationales und emotionales Handeln lassen
sich nicht trennen. Das rationale ist eine Höher- eine Weiterentwicklung. Es
sitzt auf der Emotion, aber es ersetzt sie nicht.
Würde man die
Gegensätzlichkeit konsequent verfolgen, dann wären Verstand und Gefühl wie die
beiden Endpunkte einer Geraden. 100 % Gefühl hätten den Wert Null und 100 %
Verstand den maximalen Wert. Dann wäre die vollkommene Emotionslosigkeit die
Krönung menschlichen Handelns. Andererseits bezeichnen wir aber das Fehlen von
Gefühl, als unmenschlich.
Das Bild der Gegenpole, die
Trennung von Verstand und Gefühl muss also falsch sein. Kehren wir zurück zu
den Anfängen, dass Emotion und die Fähigkeit zur Rationalität naturgegeben
sind, dann müsste das Bild ein anderes sein.
Ich schlage ein
Koordinatensystem vor. Die x-Achse bildet dabei die Vielfalt der Emotionen. Die
y-Achse gibt den Grad der Rationalität an, auf dem Y-Null-Wert also nur die
Fähigkeit dazu und auf dem festgelegten Wert 100 die maximale Schlüssigkeit und
Zweckmäßigkeit.
Auf diese Weise ließe sich
darstellen, dass rationales Handeln nicht unabhängig von Gefühlen ist und dass
auch bei unterschiedlich motiviertem Handeln der gleiche Grad von Vernunft
erreicht werden kann.
Die Rationalität selbst ist
wertfrei. Entscheidend sind die Motivation und das daraus entwickelte Ziel, der
Zweck des Handelns.
Irgendwo auf dieser y-Achse
wird auch der todkranke Frank Lange Antwort auf seine Frage finden, vielleicht
auf halber Strecke.
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