Freitag, 30. November 2012

Werbung.


„Kennen Sie das nicht auch, meine Damen und Herren, liebe Zuschauer zuhause an den Fernsehgeräten?
Eine Million grandiose Gedanken, die Ihnen einfach nicht mehr aus dem Kopf wollen?
Oder aber dies: Sie sind stolzer Besitzer einer blühenden Phantasie, ein Schöngeist, dessen Pflicht es geradezu ist, die anderen Menschen an seinem glanzvoll großartigen Geist teilhaben zu lassen. Jedoch, wer hat in dieser Zeit, in der immer alles schnell gehen muss, schon eine Minute, um sich mit Ihnen hinzusetzen und sich von Ihren Ideen verzaubern zu lassen?
Klassisch!
Einmal ganz unverblümt: Wissen Sie, was ihr angeblich so netter Herr Nachbar im Allgemeinen in seiner Freizeit macht? Ist er pädophil, ein Frauenschläger gar, Zuhälter oder besitzt ein Crack-Labor, von dem Sie nichts wissen – aber wissen sollten!
Ja, Sie haben ein Recht auf Wissen, liebe Zuschauer zuhause an den Fernsehgeräten, meine Damen und Herren. Und Sie haben eine Pflicht! Ja, Sie haben mich richtig verstanden! Gehen Sie noch heute daraus in die Welt und zeigen Sie den Leuten, was in Ihnen steckt!
Wussten Sie, dass gerade das von allen so hochgelobte Internet Grenzen hat? Auch ein gigantisch großer Raum hat Wände, meine lieben Damen und Herren. Wände, die auch Menschen mit Ihrem Potenzial irgendwann einmal den Weg versperren werden. Ihr Geist jedoch kennt keine Grenzen.
Ich bitte sie, meine Damen und Herren, liebe Zuschauer zuhause an den Fernsehgeräten, erfüllen Sie Ihre Pflicht. Machen Sie Ihren Geist frei und lassen Sie die Menschen um Sie herum noch ein bisschen mehr an Ihrem Leben teilhaben.
In jedem von Ihnen steckt ein Picasso, ein Peter Tchaikovsky, ein Aristoteles, ein Rudi Carrel, auf den die Welt gewartet hat.
Wie Sie Ihn hinaus lassen, fragen Sie sich? Nun, ich präsentiere Ihnen heute stolz eine Weltinnovation – den ‚Thinking-Out-Of-The-Box-Chip’.
Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass dieser Chip, den ich hier in meiner Hand halte, pure Magie ist, meine Damen und Herren.
Wie er funktioniert, fragen Sie sich? Nun, einfacher könnte die Antwort auf diese Frage sicher nicht sein. Stellen Sie sich Ihren Körper als Box vor, in der Ihr Geist – noch, meine Damen und Herren – gefangen ist.
Einmal in Ihr Gehirn eingesetzt, macht der ‚Thinking-Out-Of-The-Box-Chip’ ihre Gedanken sichtbar; er projiziert die Bilder aus Ihrem wunderschönen Geist direkt durch Ihre Augen nach draußen und lässt so Ihr Umfeld direkt, einfach und kostenlos an Ihrem Innenleben teilhaben.
Ist das nicht unglaublich, meine Damen und Herren, verehrte Zuschauer zuhause an den Bildschirmen?
Und ich gehe noch weiter und räume Ihnen sämtliche Bedenken aus dem Weg: (Unter Vollnarkose) ist der Prozess des Chip Einsetzens in Ihr Gehirn vollkommen schmerzfrei. Noch nicht einmal eine kahle Stelle, eine Narbe, wird Ihnen auf dem Schädel zurück bleiben, da qualifizierte Experten den Chip durch einen sauberen Schnitt im Hals einführen und mit garantiert antiseptischen Drähten sicher in Ihr Gehirn – ähm... ‚schieben’.
Ich kann Ihnen sagen: In einer Welt ohne den ‚Thinking-Out-Of-The-Box-Chip’ kann und will ich persönlich nicht mehr leben. Was ist mit Ihnen, meine Damen und Herren?
Nutzen Sie Ihre Chance, greifen Sie zum Telephon und bestellen Sie unter der eingeblendeten Nummer. Auch Onlinebestellungen möglich!“

„Wo er recht hat...“, sagte ich den Fernseher leiser stellend und griff nach meinem neuen Iphone 11. 

Freitag, 23. November 2012

Der Plan


Charakternacht. Unter der altersblind-trüben Beleuchtung der Bar hatte er es auf irgendeine Weise vermocht, mich aufzuspüren und endlich, nachdem sich unsere Blicke ein paar mal gekreuzt hatten, angesprochen. Tresengespräche geprägt von der Atmosphäre und dem Rauch, der uns schließlich zu Kopf gestiegen war.
Zweimal „Whisky on the Rocks“ hatte er bestellt – einen davon doppelt für sich. Das Glas in der Hand kreisen lassen und dann ganz tief eintauchen in die Spirituose, nach deren Genuss jeder ein bisschen so klingt wie Bill Withers. Aufgetaucht waren wir letztlich als Freunde – für diesen Moment, für eine Nacht.
Da in meinem Kopf kein Platz mehr für eigene Gedanken war, hatte ich seinem lockenden „Ganzer-Seemann-Bariton“ nachgegeben und mich für eine Weile in seinen Geschichten verloren. Irgendwann war er dann ganz unruhig geworden und hatte mir mit fahrig-fieberhafter Stimme anvertraut:

„Du wirst es doch niemandem weitererzählen, ja? Du wirst zu keinem ein Wort sagen, zu niemandem nicht? Es verhält sich nämlich so: Wir haben hier unten nur noch ein paar Wochen. Im Dezember geht die Welt unter und die Menschheit mit ihr. Weißt du das? Die Leute wollen nichts von einem Untergang hören. Doch es gab Zeichen. Nun, ich habe diese Signale erkannt und ihnen Glauben geschenkt.
Auf einem riesigen Flamingo – 5 Meter groß – den ich das gesamte letzte Jahr gehegt und gepflegt, speziell genährt habe, damit er so groß wird, werde ich diesen Planeten verlassen, um nach „Formalhaut“, ein soweit unentdeckter Zwillingsplanet des Merkur zu reisen.
Auf Formalhaut existiert kein Krieg, aber auch kein Frieden. Dafür ist dieser Planet ein exzellentes Beispiel für Nachhaltigkeit – und das ist doch worauf es langfristig ankommt, oder nicht? Alle dortigen Bewohner pflegen sich nur in Lokomotiven aus Milch fortzubewegen. Kannst du dir das vorstellen? Freilich, es gibt dort auch keine Sprache, so wie wir sie kennen. Stattdessen vermögen es die Bewohner aus Asche Geräusche zu erzeugen, die fast wie Musik klingen. Sie kommunizieren durch Musik! Ist das nicht unglaublich?
Warum ich noch niemandem außer dir vom Planeten „Formalhaut“ erzählt habe, fragst du dich? Nun ja, ich will ganz offen zu dir sprechen: Es handelt sich um eine Eigenart von mir. Manchmal stelle ich mir vor, dass ich nicht der einzige Mensch auf der Welt bin, der die Zeichen richtig zu deuten vermochte. Was ist, wenn manch anderer auch etwas gesehen hat und schon dabei ist, seine persönliche Evakuierung zu planen? Könntest du, wenn du an auf der Straße an mir vorbeiliefest erraten, was ich vorhabe?
Wüsste ich nun also, dass jemand anderes auf einen mir unbekannten Himmelskörper zu fliehen gedenkt, ein Planetoid, der gar um ein Vielfaches herrlicher wäre als der mir bekannte „Formalhaut“, so wäre ich gewiss mit meiner Entscheidung nicht mehr zufrieden. Ja, ich finge an, mir Vorwürfe zu machen, diesen besseren Planeten nicht selbst entdeckt zu haben. Freilich würde ich mich nicht vollends gut fühlen; lebendig, obgleich wohl wissend, dass es anderen Menschen auf anderen Planeten besser ginge als mir.
Diese Gedanken würden mich so beschäftigen, dass ich überdies meine eigene Fluchtplanung zur Nebensache erklären würde. Ganz unterbewusst.
Am Tag des Untergangs der Erde – der Himmel hätte sich blutrot verfärbt, niederstürzende Meteoriten – würde mir mein eigener unausgeführter Fluchtplan schlagartig wieder bewusst. Doch es wäre alles zu spät. Ich würde sterben – einen Tod, so schrecklich anonym, wohl wissend, dass es klügere Menschen gibt, die weiterleben.

Als man uns schließlich im Morgengrauen hinauswarf, da hatte ich es eilig, von dem Fremden, der mich so offenherzig über seine Pläne informiert hatte, fortzukommen. Wortkarg verabschiedete ich mich und machte mich auf den Weg nach hause.
Dort angekommen, hinter der verschlossen Tür, die Jalousien heruntergelassen, empfand ich so etwas wie Mitleid für den Fremden.
Wusste er doch nicht, dass auch ich den Plan hegte, den Planeten Erde zu verlassen. Vorige Woche war die Bestätigung eingegangen: Ich besaß nun die Erlaubnis auf „Elysium_h9“ einzureisen.
Ein Planetoid, geschaffen wie das Paradies.



Sonntag, 18. November 2012

Zukunftsvisionen


Am Abend des 24. Dezembers, von einem Erdloch aus, inmitten eines wüsten Ödlandes, einem zerfurcht verwesenden Kadavers, der früher einmal ‚Deutschland’ hieß.

Liebes Väterchen Frost,
Der Wind pfeift so schneidend. Versuche ich mir mein eigen geschrieben Wort nochmals laut vorzulesen, so scheitere ich kläglich. Ich kann meine Stimme nicht hören – der Sturm, draußen vor dem Erdloch, das ich mein Heim nenne, saust mir zu laut in den Ohren.
Mir ist ganz kalt.
Hinter mir auf dem blanken Erdboden, da vermodern meine Gedanken, genauso wie die Fuhre verfaulender dänischer Drachenfrüchte. Ihre trüben Leichensäfte haben den Grund bereits durchgetränkt, auf dem ich später am Abend zu schlafen versuchen werde.
Ich habe Hunger, doch seit jegliche Form der Wirtschaft aufhörte zu existieren, gibt es nichts anderes mehr zu essen als eben jene solcher Früchte.
Wen ich für diese allerschlimmste jeglicher Plagen verantwortliche mache? Plötzlich war sie da – gekommen, um zu verwüsten – die dänische Drachenfrucht, Obst allen Übels.
Doch wie hatte es soweit kommen können? Im Nachhinein galt es soweit als erwiesen, dass man nichts hatte ahnen, unmöglich etwas wissen können.
Die holländische Tulpenhysterie 1637 laut der Experten nur ein vermeintlich ähnlicher Fall, in Wirklichkeit jedoch komplett unterschiedlich.
Zu greis, um sie ernst zunehmen. Zu altbacken, um noch etwas aus ihr zu lernen. Und spätestens seit 2014 war allgemein bewiesen: Geschichte wiederholt sich eben doch nicht.

Im Jahre 2021 gelang es dänischen Forschern nach jahrelangen grausam-ergebnislosen Experimenten chemisch eine Frucht zu entwickeln, unübertroffen an Aroma und Aussehen: die dänische Drachenfrucht. Letztendlich unterschied sich diese europäische Variante nicht wirklich von ihrer asiatischen Stiefschwester, die vor etlichen Jahren als Folge der Klimakriege ausgerottet worden war. Sie war vielleicht ein wenig saftiger, ein wenig pausbäckig-rosiger, ein wenig üppiger in ihrer Form, doch letztendlich mehr oder weniger das selbe Obst-Erzeugnis, das man in der Vergangenheit von unserem Planeten ausradiert hatte.
Vielleicht weil sie in der Zwischenzeit komplett aus dem Gedächtnis der Menschheit verschwunden war, sollte sich die dänische Drachenfrucht, als sie auf die Märkte der Welt zurückkehrte, allergrößter Beliebtheit erfreuen.
Schon bald war die sie saftig-triefend in aller Munde.
Noch am Anfang zum Hauptnahrungsmittel in der obdachlosen Szene erklärt, war sie nicht nur äußerlich perfekt und sättigend – nein, sie war vor allen Dinge bezahlbar, um nicht zu sagen: grotesk-günstig.
Dies sollte sich freilich alsbald ändern, denn mit der steigenden Nachfrage der Drachenfrucht vervielfachten sich auch blitzartig ihre Preise. Nach einem halben Jahr musste man für eine der dänischen Früchte eine Million US-Dollar bezahlen; und das taten die Leute auch. Bereitwillig nahm man Kredite auf, denn die Drachenfrucht war als größter Trend aller Zeiten prononciert.
Schließlich kippte die Stimmung. Es war ein Montag, an dem letztendlich herauskommen sollte, dass die dänische Drachenfrucht in Wirklichkeit AIDS auslöst.
Sofort versuchten die Menschen panisch zu verkaufen, doch es fanden sich keine Käufer mehr. Noch nicht einmal geschenkt wollte man eine der zuvor so geliebten Früchte entgegen nehmen.
Die Weltwirtschaft, die sich mittlerweile komplett auf dänische Drachenfrüchte fokussiert hatte, war zu schnell für tot erklärt, um ihren letzten Atem auszuhauchen.

Liebes Väterchen Frost,
nun kennst du meine Geschichte, geprägt von der Entwicklung der dämonisch dänischen Drachenfrucht. Du siehst mich heute bettelarm, mein Leben in einem Erdloch fristen. Ich habe mehrfach Aids und schlimmen Husten.
Vielleicht hast du ein paar warme Socken für mich – oder zur Abwechslung mal einen rot glänzenden Apfel?

Donnerstag, 8. November 2012

Tagträume, die mein Herz erwärmen


Und da ich jetzt Student bin, erlebe ich solche Sachen.


Hier im Hörsaal ist es angenehm warm. Heizen die von der Leuphana eigentlich mit Biostrom?

Von meinem Platz im Auditorium habe ich einen guten Blick durch die Fenster nach draußen und kann beobachten, wie die Natur um mich herum verwelkt. Es wird Winter. Die sonnigen Tage am Wochenende – ein letztes Aufbäumen. Doch die Kälte kommt mit schnellen Schritten, schon am nächsten Wochenende sollen es nur noch fünf Grad sein.
Ganz vorne im Hörsaal steht Doktor Kora Kristof; sie kommt vom Umweltbundesamt und will uns etwas über Nachhaltigkeit erzählen. Ihr Thema: „Globaler Wandel als gesellschaftliche Herausforderung: Multiple Krisen und die große Transformation“.
Kora Kristof beginnt. Es geht um Leitfragen. Ich schreibe artig mit: „Was erwärmt Ihr Herz und fühlt sich gut für Sie an...“ – Ja, das könnte ich Frau Doktor leicht beantworten. Nun, gewiss würde ich mich besser fühlen, wenn ich etwas zu Essen bekäme, denn ich habe Hunger. In meinem Rucksack finde ich einen Apfel. 
Während Kora Kristof so redet, schweift mein Blick immer wieder nach draußen auf die Bäume vor dem Auditorium. Noch besitzen sie Blätter, doch auch diese haben sich bereits angefangen zu verfärben und ein Großteil von ihnen befindet sich schon tot, traurig auf der Erde zu ihrem Stamm zusammengefegt.  
Wenn ich die Bäume vor dem Fenster so betrachte, dann fällt mir auf, dass ich gar nicht weiß, um was für Gewächse es sich handelt. Mein Blick kehrt wieder zu Frau Kristof zurück, die währenddessen über „Urban-Gardening“ referiert und schließlich auf den angebissen Apfel in meiner Hand. 
Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn statt dieser, mir namentlich unbekannter Vegetation, sich Apfelbäume vor dem Auditorium befänden. Freilich könnte man sich, bekäme man Hunger, einen frischen Apfel pflücken und würde Geld sparen. Geld, das man sonst in der Mensa für ein warmes Mittagessen ausgegeben hätte.
Und auch das Management der Universität würde gewiss einen Nutzen aus den Apfelbäumen zu ziehen wissen. Ein Teil der Äpfel würden sie sicherlich zu Saft verarbeiten und dann verkaufen. Schokoladenriegel und Süßigkeiten in der Mensa würden durch luftgetrocknete Apfelringe, als auch Apfelkuchen ersetzt.
Ich beiße ein großes Stück aus meinem „Holsteiner Cox“ heraus. Jedes Jahr würden die Bäume neue Früchte tragen.
Ja, während mir die Nachhaltigkeit im süßem Saft auf der Zunge zergeht, erinnert mich meine Winterjacke, die zu meinen Füßen liegt daran, was die Natur draußen vor dem Fenster bestätigt: Es ist Herbst.
Die große Transformation zu einem mit Kernobstgewächsen bestückten Campus wird wohl einstweilen ausbleiben.
Ich schaue auf meine Notizen und mir fällt auf, dass ich Frau Doktor Kristofs Frage am Anfang des Vortrages noch nicht zu Ende gelesen habe. „Was erwärmt Ihr Herz und fühlt sich gut für Sie an rund um das Thema Nachhaltigkeit?“
Ja, auch diese Frage kann ich sofort beantworten: Es fühlt sich gut an, zu wissen, dass Mutter Erde nachhaltig noch nicht so geschädigt ist und auch weiterhin so etwas wie Jahreszeiten zulässt. In einem halben Jahr wäre dann schon wieder Frühling. Die ersten lauen Sonnenstrahlen und Maiglöckchen. Ja, der bloße Gedanke daran erwärmt mir mein Herz. 

Samstag, 3. November 2012

Die Klimaveränderung


Am späteren Nachmittag begegnete ich zufällig an einer Bushaltestelle wartend meinem Bekannten Guido – ein guter Typ, eigentlich.
Guido hatte soeben eine Vorlesung über das Thema „Wissenschaft trägt Verantwortung“ mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit an der örtlichen Universität besucht und war noch immer ganz erfüllt davon.
Schon am Vormittag waren dunkle Wolken am Himmel aufgezogen. Diese hatten nun begonnen, sich zu entladen. Kalte, schwere Tropfen. In den Straßen sammelte sich zusehends das Wasser. Da sich der Bus verspäten sollte, begannen wir eine Unterhaltung.
„Ich will ja nicht den Finger erheben-“, eröffnete Guido und streckte prüfend eine Hand unter dem Dach der Bushaltestelle hervor. „Aber letztes Jahr war es zu dieser Jahreszeit um einiges besser, das Wetter. Ja, ich kann mich noch erinnern: Auf den Tag genau saßen wir draußen auf der Terrasse. Von einem ‚goldenen Herbst’ hatte man gesprochen. Dieses Jahr ist es ja offensichtlich anders. Die Klimaveränderung ist nah, fürchte ich. ‚Anzeichen!’, sage ich.“
„Guido...“, erwiderte ich, vielleicht ein wenig zänkischer, als ich eigentlich hatte antworten wollen. „Dass es nun so regnet, das hat eigentlich nichts mit der Klimaveränderung zu tun. Vielmehr damit, dass es Herbst ist. Ein Anzeichen für die Klimaveränderung, die nebenbei nicht irgendein Termin im Kalender ist, der von heute auf morgen vor der Tür steht, sondern ein Prozess, wären zum Beispiel Palmen hier in Norddeutschland.“
Guidos Antwort ging im Rauschen des verspäteten Buses unter, der plötzlich aus dem dichten Regen vor uns aufgetaucht war. Eine Silhouette, mächtig wie ein Wal, triefend, mit nach außen gewölbten Scheiben, im Zwielicht lumineszierend wie Augäpfel. Als sich die Türen öffneten, stiegen wir ein.
Im Bus war es trocken. Zusammen mit den einladend leeren Sitzen bot das Innere des öffentlichen Verkehrsmittels einen willkommenen Kontrast zu der Landschaft draußen, die nun durch den starken Platzregen und die schattenhaft einsetzende Dämmerung schemenhaft erkennbar nur so an mir vorbeizufliegen schien.
Soeben hatte ich unser Gesprächsthema von vorhin wieder aufnehmen wollen und hatte gerade meine Lippen für ein paar entschuldigende Worte an Guido für meine zuvor pejorative Antwort geöffnet, als der Bus plötzlich eine unerwartete Vollbremsung machte und ich durch den gesamten Wagen geschleudert wurde.

Ich musste bewusstlos gewesen sein. Wie lange wusste ich nicht. Doch als ich aufwachte, hatte sich die Welt um mich herum verändert.
Die zivilisierte Infrastruktur war tropischer Vegetation, Palmen, Kakteen, epiphytischen Orchideen gewichen. Die Überreste des starken Regens stiegen nun dampfartig auf. Ich schälte mich aus meiner Winterjacke. Auch die Temperaturen hatten sich verändert. Zuvor noch ungemütlich kalt, waren sie nun einer tropisch schwülen Hitze gewichen.
Ich blickte mich suchend nach Guido um, der just erwachte. Schweiß lief mir in die Augen, die ich ungläubig zukniff. Ein Blick aus dem zerborstenen Fenster des Buses heraus. Kein Lichtstrahl, da die dichte tropische Vegetation um mich herum jeglichen Sonnenstrahl verschluckte.
War es möglich? Die Klimaveränderung doch kein stetig schleichender Prozess? Behutsam waren wir aus dem Wrack des Buses gestiegen und befanden uns auf einem dichten Wurzelwerk, das aus dem Asphalt der Straße hervor gebrochen war.
Ob Effizienz- oder Suffizienstrategie – aller Strategien der Nachhaltigkeit hatten versagt.
Ein letzter, stiller Blick zu Guido bevor uns die unendliche Anonymität des Dschungels verschluckte und nie wieder ausspeien sollte.