Freitag, 30. November 2012

Werbung.


„Kennen Sie das nicht auch, meine Damen und Herren, liebe Zuschauer zuhause an den Fernsehgeräten?
Eine Million grandiose Gedanken, die Ihnen einfach nicht mehr aus dem Kopf wollen?
Oder aber dies: Sie sind stolzer Besitzer einer blühenden Phantasie, ein Schöngeist, dessen Pflicht es geradezu ist, die anderen Menschen an seinem glanzvoll großartigen Geist teilhaben zu lassen. Jedoch, wer hat in dieser Zeit, in der immer alles schnell gehen muss, schon eine Minute, um sich mit Ihnen hinzusetzen und sich von Ihren Ideen verzaubern zu lassen?
Klassisch!
Einmal ganz unverblümt: Wissen Sie, was ihr angeblich so netter Herr Nachbar im Allgemeinen in seiner Freizeit macht? Ist er pädophil, ein Frauenschläger gar, Zuhälter oder besitzt ein Crack-Labor, von dem Sie nichts wissen – aber wissen sollten!
Ja, Sie haben ein Recht auf Wissen, liebe Zuschauer zuhause an den Fernsehgeräten, meine Damen und Herren. Und Sie haben eine Pflicht! Ja, Sie haben mich richtig verstanden! Gehen Sie noch heute daraus in die Welt und zeigen Sie den Leuten, was in Ihnen steckt!
Wussten Sie, dass gerade das von allen so hochgelobte Internet Grenzen hat? Auch ein gigantisch großer Raum hat Wände, meine lieben Damen und Herren. Wände, die auch Menschen mit Ihrem Potenzial irgendwann einmal den Weg versperren werden. Ihr Geist jedoch kennt keine Grenzen.
Ich bitte sie, meine Damen und Herren, liebe Zuschauer zuhause an den Fernsehgeräten, erfüllen Sie Ihre Pflicht. Machen Sie Ihren Geist frei und lassen Sie die Menschen um Sie herum noch ein bisschen mehr an Ihrem Leben teilhaben.
In jedem von Ihnen steckt ein Picasso, ein Peter Tchaikovsky, ein Aristoteles, ein Rudi Carrel, auf den die Welt gewartet hat.
Wie Sie Ihn hinaus lassen, fragen Sie sich? Nun, ich präsentiere Ihnen heute stolz eine Weltinnovation – den ‚Thinking-Out-Of-The-Box-Chip’.
Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass dieser Chip, den ich hier in meiner Hand halte, pure Magie ist, meine Damen und Herren.
Wie er funktioniert, fragen Sie sich? Nun, einfacher könnte die Antwort auf diese Frage sicher nicht sein. Stellen Sie sich Ihren Körper als Box vor, in der Ihr Geist – noch, meine Damen und Herren – gefangen ist.
Einmal in Ihr Gehirn eingesetzt, macht der ‚Thinking-Out-Of-The-Box-Chip’ ihre Gedanken sichtbar; er projiziert die Bilder aus Ihrem wunderschönen Geist direkt durch Ihre Augen nach draußen und lässt so Ihr Umfeld direkt, einfach und kostenlos an Ihrem Innenleben teilhaben.
Ist das nicht unglaublich, meine Damen und Herren, verehrte Zuschauer zuhause an den Bildschirmen?
Und ich gehe noch weiter und räume Ihnen sämtliche Bedenken aus dem Weg: (Unter Vollnarkose) ist der Prozess des Chip Einsetzens in Ihr Gehirn vollkommen schmerzfrei. Noch nicht einmal eine kahle Stelle, eine Narbe, wird Ihnen auf dem Schädel zurück bleiben, da qualifizierte Experten den Chip durch einen sauberen Schnitt im Hals einführen und mit garantiert antiseptischen Drähten sicher in Ihr Gehirn – ähm... ‚schieben’.
Ich kann Ihnen sagen: In einer Welt ohne den ‚Thinking-Out-Of-The-Box-Chip’ kann und will ich persönlich nicht mehr leben. Was ist mit Ihnen, meine Damen und Herren?
Nutzen Sie Ihre Chance, greifen Sie zum Telephon und bestellen Sie unter der eingeblendeten Nummer. Auch Onlinebestellungen möglich!“

„Wo er recht hat...“, sagte ich den Fernseher leiser stellend und griff nach meinem neuen Iphone 11. 

Freitag, 23. November 2012

Der Plan


Charakternacht. Unter der altersblind-trüben Beleuchtung der Bar hatte er es auf irgendeine Weise vermocht, mich aufzuspüren und endlich, nachdem sich unsere Blicke ein paar mal gekreuzt hatten, angesprochen. Tresengespräche geprägt von der Atmosphäre und dem Rauch, der uns schließlich zu Kopf gestiegen war.
Zweimal „Whisky on the Rocks“ hatte er bestellt – einen davon doppelt für sich. Das Glas in der Hand kreisen lassen und dann ganz tief eintauchen in die Spirituose, nach deren Genuss jeder ein bisschen so klingt wie Bill Withers. Aufgetaucht waren wir letztlich als Freunde – für diesen Moment, für eine Nacht.
Da in meinem Kopf kein Platz mehr für eigene Gedanken war, hatte ich seinem lockenden „Ganzer-Seemann-Bariton“ nachgegeben und mich für eine Weile in seinen Geschichten verloren. Irgendwann war er dann ganz unruhig geworden und hatte mir mit fahrig-fieberhafter Stimme anvertraut:

„Du wirst es doch niemandem weitererzählen, ja? Du wirst zu keinem ein Wort sagen, zu niemandem nicht? Es verhält sich nämlich so: Wir haben hier unten nur noch ein paar Wochen. Im Dezember geht die Welt unter und die Menschheit mit ihr. Weißt du das? Die Leute wollen nichts von einem Untergang hören. Doch es gab Zeichen. Nun, ich habe diese Signale erkannt und ihnen Glauben geschenkt.
Auf einem riesigen Flamingo – 5 Meter groß – den ich das gesamte letzte Jahr gehegt und gepflegt, speziell genährt habe, damit er so groß wird, werde ich diesen Planeten verlassen, um nach „Formalhaut“, ein soweit unentdeckter Zwillingsplanet des Merkur zu reisen.
Auf Formalhaut existiert kein Krieg, aber auch kein Frieden. Dafür ist dieser Planet ein exzellentes Beispiel für Nachhaltigkeit – und das ist doch worauf es langfristig ankommt, oder nicht? Alle dortigen Bewohner pflegen sich nur in Lokomotiven aus Milch fortzubewegen. Kannst du dir das vorstellen? Freilich, es gibt dort auch keine Sprache, so wie wir sie kennen. Stattdessen vermögen es die Bewohner aus Asche Geräusche zu erzeugen, die fast wie Musik klingen. Sie kommunizieren durch Musik! Ist das nicht unglaublich?
Warum ich noch niemandem außer dir vom Planeten „Formalhaut“ erzählt habe, fragst du dich? Nun ja, ich will ganz offen zu dir sprechen: Es handelt sich um eine Eigenart von mir. Manchmal stelle ich mir vor, dass ich nicht der einzige Mensch auf der Welt bin, der die Zeichen richtig zu deuten vermochte. Was ist, wenn manch anderer auch etwas gesehen hat und schon dabei ist, seine persönliche Evakuierung zu planen? Könntest du, wenn du an auf der Straße an mir vorbeiliefest erraten, was ich vorhabe?
Wüsste ich nun also, dass jemand anderes auf einen mir unbekannten Himmelskörper zu fliehen gedenkt, ein Planetoid, der gar um ein Vielfaches herrlicher wäre als der mir bekannte „Formalhaut“, so wäre ich gewiss mit meiner Entscheidung nicht mehr zufrieden. Ja, ich finge an, mir Vorwürfe zu machen, diesen besseren Planeten nicht selbst entdeckt zu haben. Freilich würde ich mich nicht vollends gut fühlen; lebendig, obgleich wohl wissend, dass es anderen Menschen auf anderen Planeten besser ginge als mir.
Diese Gedanken würden mich so beschäftigen, dass ich überdies meine eigene Fluchtplanung zur Nebensache erklären würde. Ganz unterbewusst.
Am Tag des Untergangs der Erde – der Himmel hätte sich blutrot verfärbt, niederstürzende Meteoriten – würde mir mein eigener unausgeführter Fluchtplan schlagartig wieder bewusst. Doch es wäre alles zu spät. Ich würde sterben – einen Tod, so schrecklich anonym, wohl wissend, dass es klügere Menschen gibt, die weiterleben.

Als man uns schließlich im Morgengrauen hinauswarf, da hatte ich es eilig, von dem Fremden, der mich so offenherzig über seine Pläne informiert hatte, fortzukommen. Wortkarg verabschiedete ich mich und machte mich auf den Weg nach hause.
Dort angekommen, hinter der verschlossen Tür, die Jalousien heruntergelassen, empfand ich so etwas wie Mitleid für den Fremden.
Wusste er doch nicht, dass auch ich den Plan hegte, den Planeten Erde zu verlassen. Vorige Woche war die Bestätigung eingegangen: Ich besaß nun die Erlaubnis auf „Elysium_h9“ einzureisen.
Ein Planetoid, geschaffen wie das Paradies.



Sonntag, 18. November 2012

Zukunftsvisionen


Am Abend des 24. Dezembers, von einem Erdloch aus, inmitten eines wüsten Ödlandes, einem zerfurcht verwesenden Kadavers, der früher einmal ‚Deutschland’ hieß.

Liebes Väterchen Frost,
Der Wind pfeift so schneidend. Versuche ich mir mein eigen geschrieben Wort nochmals laut vorzulesen, so scheitere ich kläglich. Ich kann meine Stimme nicht hören – der Sturm, draußen vor dem Erdloch, das ich mein Heim nenne, saust mir zu laut in den Ohren.
Mir ist ganz kalt.
Hinter mir auf dem blanken Erdboden, da vermodern meine Gedanken, genauso wie die Fuhre verfaulender dänischer Drachenfrüchte. Ihre trüben Leichensäfte haben den Grund bereits durchgetränkt, auf dem ich später am Abend zu schlafen versuchen werde.
Ich habe Hunger, doch seit jegliche Form der Wirtschaft aufhörte zu existieren, gibt es nichts anderes mehr zu essen als eben jene solcher Früchte.
Wen ich für diese allerschlimmste jeglicher Plagen verantwortliche mache? Plötzlich war sie da – gekommen, um zu verwüsten – die dänische Drachenfrucht, Obst allen Übels.
Doch wie hatte es soweit kommen können? Im Nachhinein galt es soweit als erwiesen, dass man nichts hatte ahnen, unmöglich etwas wissen können.
Die holländische Tulpenhysterie 1637 laut der Experten nur ein vermeintlich ähnlicher Fall, in Wirklichkeit jedoch komplett unterschiedlich.
Zu greis, um sie ernst zunehmen. Zu altbacken, um noch etwas aus ihr zu lernen. Und spätestens seit 2014 war allgemein bewiesen: Geschichte wiederholt sich eben doch nicht.

Im Jahre 2021 gelang es dänischen Forschern nach jahrelangen grausam-ergebnislosen Experimenten chemisch eine Frucht zu entwickeln, unübertroffen an Aroma und Aussehen: die dänische Drachenfrucht. Letztendlich unterschied sich diese europäische Variante nicht wirklich von ihrer asiatischen Stiefschwester, die vor etlichen Jahren als Folge der Klimakriege ausgerottet worden war. Sie war vielleicht ein wenig saftiger, ein wenig pausbäckig-rosiger, ein wenig üppiger in ihrer Form, doch letztendlich mehr oder weniger das selbe Obst-Erzeugnis, das man in der Vergangenheit von unserem Planeten ausradiert hatte.
Vielleicht weil sie in der Zwischenzeit komplett aus dem Gedächtnis der Menschheit verschwunden war, sollte sich die dänische Drachenfrucht, als sie auf die Märkte der Welt zurückkehrte, allergrößter Beliebtheit erfreuen.
Schon bald war die sie saftig-triefend in aller Munde.
Noch am Anfang zum Hauptnahrungsmittel in der obdachlosen Szene erklärt, war sie nicht nur äußerlich perfekt und sättigend – nein, sie war vor allen Dinge bezahlbar, um nicht zu sagen: grotesk-günstig.
Dies sollte sich freilich alsbald ändern, denn mit der steigenden Nachfrage der Drachenfrucht vervielfachten sich auch blitzartig ihre Preise. Nach einem halben Jahr musste man für eine der dänischen Früchte eine Million US-Dollar bezahlen; und das taten die Leute auch. Bereitwillig nahm man Kredite auf, denn die Drachenfrucht war als größter Trend aller Zeiten prononciert.
Schließlich kippte die Stimmung. Es war ein Montag, an dem letztendlich herauskommen sollte, dass die dänische Drachenfrucht in Wirklichkeit AIDS auslöst.
Sofort versuchten die Menschen panisch zu verkaufen, doch es fanden sich keine Käufer mehr. Noch nicht einmal geschenkt wollte man eine der zuvor so geliebten Früchte entgegen nehmen.
Die Weltwirtschaft, die sich mittlerweile komplett auf dänische Drachenfrüchte fokussiert hatte, war zu schnell für tot erklärt, um ihren letzten Atem auszuhauchen.

Liebes Väterchen Frost,
nun kennst du meine Geschichte, geprägt von der Entwicklung der dämonisch dänischen Drachenfrucht. Du siehst mich heute bettelarm, mein Leben in einem Erdloch fristen. Ich habe mehrfach Aids und schlimmen Husten.
Vielleicht hast du ein paar warme Socken für mich – oder zur Abwechslung mal einen rot glänzenden Apfel?

Donnerstag, 8. November 2012

Tagträume, die mein Herz erwärmen


Und da ich jetzt Student bin, erlebe ich solche Sachen.


Hier im Hörsaal ist es angenehm warm. Heizen die von der Leuphana eigentlich mit Biostrom?

Von meinem Platz im Auditorium habe ich einen guten Blick durch die Fenster nach draußen und kann beobachten, wie die Natur um mich herum verwelkt. Es wird Winter. Die sonnigen Tage am Wochenende – ein letztes Aufbäumen. Doch die Kälte kommt mit schnellen Schritten, schon am nächsten Wochenende sollen es nur noch fünf Grad sein.
Ganz vorne im Hörsaal steht Doktor Kora Kristof; sie kommt vom Umweltbundesamt und will uns etwas über Nachhaltigkeit erzählen. Ihr Thema: „Globaler Wandel als gesellschaftliche Herausforderung: Multiple Krisen und die große Transformation“.
Kora Kristof beginnt. Es geht um Leitfragen. Ich schreibe artig mit: „Was erwärmt Ihr Herz und fühlt sich gut für Sie an...“ – Ja, das könnte ich Frau Doktor leicht beantworten. Nun, gewiss würde ich mich besser fühlen, wenn ich etwas zu Essen bekäme, denn ich habe Hunger. In meinem Rucksack finde ich einen Apfel. 
Während Kora Kristof so redet, schweift mein Blick immer wieder nach draußen auf die Bäume vor dem Auditorium. Noch besitzen sie Blätter, doch auch diese haben sich bereits angefangen zu verfärben und ein Großteil von ihnen befindet sich schon tot, traurig auf der Erde zu ihrem Stamm zusammengefegt.  
Wenn ich die Bäume vor dem Fenster so betrachte, dann fällt mir auf, dass ich gar nicht weiß, um was für Gewächse es sich handelt. Mein Blick kehrt wieder zu Frau Kristof zurück, die währenddessen über „Urban-Gardening“ referiert und schließlich auf den angebissen Apfel in meiner Hand. 
Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn statt dieser, mir namentlich unbekannter Vegetation, sich Apfelbäume vor dem Auditorium befänden. Freilich könnte man sich, bekäme man Hunger, einen frischen Apfel pflücken und würde Geld sparen. Geld, das man sonst in der Mensa für ein warmes Mittagessen ausgegeben hätte.
Und auch das Management der Universität würde gewiss einen Nutzen aus den Apfelbäumen zu ziehen wissen. Ein Teil der Äpfel würden sie sicherlich zu Saft verarbeiten und dann verkaufen. Schokoladenriegel und Süßigkeiten in der Mensa würden durch luftgetrocknete Apfelringe, als auch Apfelkuchen ersetzt.
Ich beiße ein großes Stück aus meinem „Holsteiner Cox“ heraus. Jedes Jahr würden die Bäume neue Früchte tragen.
Ja, während mir die Nachhaltigkeit im süßem Saft auf der Zunge zergeht, erinnert mich meine Winterjacke, die zu meinen Füßen liegt daran, was die Natur draußen vor dem Fenster bestätigt: Es ist Herbst.
Die große Transformation zu einem mit Kernobstgewächsen bestückten Campus wird wohl einstweilen ausbleiben.
Ich schaue auf meine Notizen und mir fällt auf, dass ich Frau Doktor Kristofs Frage am Anfang des Vortrages noch nicht zu Ende gelesen habe. „Was erwärmt Ihr Herz und fühlt sich gut für Sie an rund um das Thema Nachhaltigkeit?“
Ja, auch diese Frage kann ich sofort beantworten: Es fühlt sich gut an, zu wissen, dass Mutter Erde nachhaltig noch nicht so geschädigt ist und auch weiterhin so etwas wie Jahreszeiten zulässt. In einem halben Jahr wäre dann schon wieder Frühling. Die ersten lauen Sonnenstrahlen und Maiglöckchen. Ja, der bloße Gedanke daran erwärmt mir mein Herz. 

Samstag, 3. November 2012

Die Klimaveränderung


Am späteren Nachmittag begegnete ich zufällig an einer Bushaltestelle wartend meinem Bekannten Guido – ein guter Typ, eigentlich.
Guido hatte soeben eine Vorlesung über das Thema „Wissenschaft trägt Verantwortung“ mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit an der örtlichen Universität besucht und war noch immer ganz erfüllt davon.
Schon am Vormittag waren dunkle Wolken am Himmel aufgezogen. Diese hatten nun begonnen, sich zu entladen. Kalte, schwere Tropfen. In den Straßen sammelte sich zusehends das Wasser. Da sich der Bus verspäten sollte, begannen wir eine Unterhaltung.
„Ich will ja nicht den Finger erheben-“, eröffnete Guido und streckte prüfend eine Hand unter dem Dach der Bushaltestelle hervor. „Aber letztes Jahr war es zu dieser Jahreszeit um einiges besser, das Wetter. Ja, ich kann mich noch erinnern: Auf den Tag genau saßen wir draußen auf der Terrasse. Von einem ‚goldenen Herbst’ hatte man gesprochen. Dieses Jahr ist es ja offensichtlich anders. Die Klimaveränderung ist nah, fürchte ich. ‚Anzeichen!’, sage ich.“
„Guido...“, erwiderte ich, vielleicht ein wenig zänkischer, als ich eigentlich hatte antworten wollen. „Dass es nun so regnet, das hat eigentlich nichts mit der Klimaveränderung zu tun. Vielmehr damit, dass es Herbst ist. Ein Anzeichen für die Klimaveränderung, die nebenbei nicht irgendein Termin im Kalender ist, der von heute auf morgen vor der Tür steht, sondern ein Prozess, wären zum Beispiel Palmen hier in Norddeutschland.“
Guidos Antwort ging im Rauschen des verspäteten Buses unter, der plötzlich aus dem dichten Regen vor uns aufgetaucht war. Eine Silhouette, mächtig wie ein Wal, triefend, mit nach außen gewölbten Scheiben, im Zwielicht lumineszierend wie Augäpfel. Als sich die Türen öffneten, stiegen wir ein.
Im Bus war es trocken. Zusammen mit den einladend leeren Sitzen bot das Innere des öffentlichen Verkehrsmittels einen willkommenen Kontrast zu der Landschaft draußen, die nun durch den starken Platzregen und die schattenhaft einsetzende Dämmerung schemenhaft erkennbar nur so an mir vorbeizufliegen schien.
Soeben hatte ich unser Gesprächsthema von vorhin wieder aufnehmen wollen und hatte gerade meine Lippen für ein paar entschuldigende Worte an Guido für meine zuvor pejorative Antwort geöffnet, als der Bus plötzlich eine unerwartete Vollbremsung machte und ich durch den gesamten Wagen geschleudert wurde.

Ich musste bewusstlos gewesen sein. Wie lange wusste ich nicht. Doch als ich aufwachte, hatte sich die Welt um mich herum verändert.
Die zivilisierte Infrastruktur war tropischer Vegetation, Palmen, Kakteen, epiphytischen Orchideen gewichen. Die Überreste des starken Regens stiegen nun dampfartig auf. Ich schälte mich aus meiner Winterjacke. Auch die Temperaturen hatten sich verändert. Zuvor noch ungemütlich kalt, waren sie nun einer tropisch schwülen Hitze gewichen.
Ich blickte mich suchend nach Guido um, der just erwachte. Schweiß lief mir in die Augen, die ich ungläubig zukniff. Ein Blick aus dem zerborstenen Fenster des Buses heraus. Kein Lichtstrahl, da die dichte tropische Vegetation um mich herum jeglichen Sonnenstrahl verschluckte.
War es möglich? Die Klimaveränderung doch kein stetig schleichender Prozess? Behutsam waren wir aus dem Wrack des Buses gestiegen und befanden uns auf einem dichten Wurzelwerk, das aus dem Asphalt der Straße hervor gebrochen war.
Ob Effizienz- oder Suffizienstrategie – aller Strategien der Nachhaltigkeit hatten versagt.
Ein letzter, stiller Blick zu Guido bevor uns die unendliche Anonymität des Dschungels verschluckte und nie wieder ausspeien sollte.

Montag, 13. August 2012

Duschgeschichte, der zweite Teil


In einem Zahnputzbecher, vielleicht eineinhalb Meter von der Dusche entfernt, steckte ein Schokoriegel – eine Notration gegen zu Weilen aufkommende Hungergefühle. Ich konnte ihn nicht erreichen, denn dafür hätte ich die Dusche verlassen müssen und wäre der Welt so schutzlos ausgeliefert.
Also suchte ich weiter und endlich fiel mein Blick auf ein griffbereites Cola-Shampoo, das ich mir einmal aus lauter Nostalgie gekauft hatte. Durch die schäumende- hatte es sehr sättigende Wirkung, als ich es mit ein bisschen Wasser vermischte und trank.
Schließlich war ich gesättigt und zum ersten Mal seit Wochen sorgenfrei und zufrieden – glaube ich.
Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren, da die Uhr im Badezimmer vom Wasserdampf beschlagen war. Doch irgendwann – meine Beine waren vom vielen Stehen müde geworden – verstellte ich den Duschkopf und setzte mich auf den Boden der Dusche, um ein bisschen zu schlafen.
Die lange Zeit unter dem Wasserstrahl brachte wieder eine gewisse Routine in mein Leben. Ich hatte feste Zeiten, in denen ich auf dem Boden der Dusche schlief. Dann stand ich wieder aufrecht und ließ mich vom Strahl des Wassers betäuben. Die Hand stets in der Nähe des Thermostats, bereit die Wassertemperatur zu regulieren.
Diese Tätigkeit verschaffte mir neben Schlaf- oder Betäubungsphasen die nötige Zerstreuung; eine fortlaufend kleine Abwechslung in meinen Leben unter Dusche.
Das Shampoo war längst aufgegessen, doch ich kannte kein Hungergefühl mehr, da mein Körper Wasser über die Haut aufnahm und ich mich so praktisch satt trank. Schrumpelige Fingerkuppen waren einst der Anfang gewesen, doch nun war ich durch das Wasser so derartig aufgedunsen, dass ich mich zum Schlafen nicht mehr hinsetzen musste. Mein Gewicht wurde nun gleichsam auf die Duschwände verteilt und ich konnte bequem im Stehen schlafen.
Bestimmt waren Monate vergangen, doch irgendwann wurde die Tür des Badezimmers aufgerissen und herein kam – aus dem Mund blutend – Michael, der ein Stockwerk unter mir wohnte. Er war wütend und gekommen, sich zu beschweren. Seit Tagen hatte es nicht aufgehört, durch seine Decke zu tropfen.
Als ihm nach mehrmaligem Klingen keiner die Wohnungstür geöffnet hatte, da hatte er sie einfach eingetreten und war sofort über meinen vertrockneten Hund gestolpert, wobei er sich den Mund aufschlug.
Um ihn zu beruhigen, bot ich ihm an, mir für einen Moment unter der Dusche Gesellschaft zu leisten. Hier könnte ich ihm meine Situation erklären und er könnte sich das Blut vom Mund abwaschen.
Ich bat ihn, den nie in Vergessenheit geratenen Schokoladenriegel aus dem Zahnputzbecher mitzubringen. Mit der Zeit hatte ich vergessen, wie Schokolade schmeckt.
Michael nahm mein Angebot an und folgte mir unter die Dusche. Er hatte den Schokoladenriegel mitgebracht, doch ich musste zuschauen, wie er ihn aß, ohne mit mir zu teilen. Er war noch immer sehr aufgebracht.
Die Zeit verging und Michael blieb unter der Dusche. Hier sei es doch ganz schön, sagte er. Seine Wohnung gleiche nun gewiss schon einem Aquarium, in dem nunmehr seine Katze voraussichtlich mit dem Bauch nach oben triebe.
Mit der Zeit konnte ich beobachten, wie auch Michaels Korpus das stetig fließende Wasser aufsog und zusehends anschwoll. Bald waren unsere beiden Erscheinungen zu massig für die kleine Dusche geworden.
Irgendwann hatte Michael dann kein Wasser mehr abbekommen, da ich ihn versehentlich über die Zeit hinweg langsam, doch unaufhörlich aus der Reichweite des Wasserstrahls gedrängt hatte. Unsere Körper füllten die Dusche nun komplett aus, sodass eine Verbesserung von Michaels Lage unmöglich geworden war. Wir konnten uns nicht bewegen, ja, steckten in der Dusche fest.
Ohne wärmendes Wasser auf der Haut hatte Michael angefangen zu frieren. Er war schlecht gelaunt und provozierte bald einen Streit. In diesem bezichtigte er mich, ihm mutwillig aus lauter Gier und Missgunst das Wasser vorzuenthalten. Ich wies diesen Vorwurf von mir, doch Michael hatte sich bereits in Rage geredet und nun angefangen wild zu strampeln.
Durch die Erschütterungen, die Michael auslöste, brach das Glas vor der Dusche. Begleitet von tausenden in der Feuchtigkeit wie Diamanten glitzernde Glassplitter fiel ich auf den Fußboden des Badezimmers, wo ich auf meinem Gesicht liegen blieb.
Abseits der Dusche begann ich schnell zu frieren. Die Tapete hatte sich durch die langwierige Feuchtigkeit von den Wänden abgelöst und lag nun zu meinem bewegungsunfähigen Körper. Hilflos konnte ich fühlen, wie meine Nase unter meinem Gewicht brach.
Da war sie also wieder, die Realität, der ich einst so erfolglos versucht hatte zu entfliehen; kalt und häßlich war sie, aus unzähligen kleinen Wunden blutend. 

Sonntag, 5. August 2012

Duschgeschichte, der erste Teil


Schon mit dem Betreten der Dusche war etwas von mir abgefallen. Die Müdigkeit? Nein, die war noch da. Aber mit den ersten warmen Wasserstrahlen hatte ich sie abgewaschen, all die aufkommenden Ansprüche an den Tag.
Und der aufsteigende Wasserdampf, der bald in jede Ecke des Badezimmers gezogen war, hatte keinen Platz gelassen für all die Sorgen.
Wie ein Känguruhjunges auf dem Weg zum mütterlichen Beutel hatte ich es vermocht blind doch instinktiv die Dusche zu finden.
Hier war mir ein Refugium angeboten worden und ich hatte es dankend angenommen. Hier stand ich nun zurückgezogen, fernab der Welt da draußen.
Dann wagte ich meine Augen zu öffnen. Ganz vorsichtig und zum zweiten Mal an diesem Tage – und im Gegensatz zum ersten Mal, dem reißenden Aufwachen, ging es nun ganz leicht. Kein Kleben hatte es gegeben und auch keine verquollenen dunklen Stellen hatte ich erfühlt, als ich nach meinen Augen tastete.
Und dann fiel auch die Müdigkeit von mir ab, schlagartig. Ersetzt durch Bewusstsein und mit diesem keimten Erinnerungen an ständige Verpflichtungen und den Alltag, trivial und unerfüllt, auf.
Ein kalter Schauer packte mich und so drehte ich schnell am Thermostat. Sofort fühlte ich, wie sich das Wasser weiter erwärmte. Die Augen geschlossen vermochte ich nun wieder, die Welt um mich herum noch ein bisschen weiter auszublenden – zurück blieben nur die Dusche und ich, ich und das warme Wasser auf meinem Körper und der so angenehm die Realität verklärende Dampf vor den Augen.
So stand ich nun da – und hätte wahrscheinlich ewig so weitermachen können, wenn sich nicht dieses sekkante Gefühl erneut in mir gemeldet hätte.
Pflichten waren zu erledigen, ja. Ich musste die Dusche nun wirklich verlassen. Mich abtrocknen. Rasieren hatte ich mich noch wollen und was hatte ich eigentlich geplant anzuziehen?  Mein einziges Hemd war in der Wäsche – jetzt waren sie alle wieder da die Erinnerungen:
Um halb 10 ein Bewerbungsgespräch für ein Praktikum. Das Hemd also in der Wäsche und ein Brandfleck auf dem Revers meines Sakkos. So gesehen nichts anzuziehen. Der Hund, noch nicht gefüttert, noch nicht draußen gewesen. Der Geburtstag meiner Mutter. Aber ein Geschenk hatte ich doch besorgt? Nein, auf dem Nachhauseweg hatte ich bei der Tankstelle nichts gefunden und die Option der Blumen - in meinem Fall keine Option mehr. Für mittags hatte sie mich bereits zum Essen geladen. Die Küche hatte ich schon vor Tagen sauber machen wollen. In der Spüle stapelten sich dreckige Teller, denn der Geschirrspüler war kaputt. Das Geld, das ich bei Starbucks verdiente, reichte nur zum Nötigsten. Nicht davon anzufangen, dass mich diese Tätigkeit nicht voll ausfüllte. Also hatte ich mir einen Hund angeschafft – der mich nun überforderte. Durch das Wasser in meinen Ohren konnte ich sein Bellen vernehmen: Laut fordernd.
In dieser Situation – nebst Wasser prasselten immer neue Mahnungen an bald versäumte Verpflichtungen aus dem Alltag auf mich ein – entschloss ich mich wohl selbst defensiv, vielleicht mit einer Ahnung auf Schlimmeres präventiv, für das einzig Richtige: Ich trat einen Schritt zurück, tiefer hinein in den Wasserstrahl – in mein Refugium – und drehte am Thermostat. Das Wasser wurde wärmer.
Mit geschlossenen Augen scheint die Welt manchmal erträglicher und mit einem Strahl warmen Wassers, der einem die Sorgen aus dem Kopf massiert, ist sie dann fast schön. Sie ist so lange schön, bis irgendetwas dazwischen kommt – mein Bauch meldete sich, denn ich hatte Hunger. 

Sonntag, 15. Juli 2012

Fenster nach Tokyo

1991. Ein Lichtstrahl, der durch das geschlossene Fenster ins Zimmer fällt, vergoldet das Sofa, auf dem ich die vergangen Stunden schlafend verbracht hatte. An der dahinterliegenden Wand zeichnet sich der Schatten einer Lampe ab. Das Bett, mein Bett für diese Nacht, steht noch unangetastet im Raum.
Wie spät ist es?
Auf Reisen erscheint mir die Welt verschiedenartig, um nicht zu sagen fremd. Das Tageslicht hier in Tokyo anders als daheim. Der Schatten der Zimmerbeleuchtung vertraut, doch wie beziehungslos scheint sie mir des nachts? Da sollen sie ja die Stadt mit Neon überfluten, habe ich gehört.
Ich verlasse das Hotelzimmer besser, um mich draußen nach etwas Essbarem umzuschauen.






(Die dargestellten Photos entstammen der Weltreise meines Vaters 1991.)

Donnerstag, 12. Juli 2012

Donnerstag, 28. Juni 2012

Der 22. Juni, EM Spiel: Deutschland - Griechenland


Ja, wenn man einem der online im Vorfeld des EM – Spiels Deutschland – Griechenland veröffentlichten Plakaten Glauben schenken mag, dann ist der 22. Juni deklariert als „Zahltag“.
Zahlen soll Griechenland, der Schuldner Europas und in diesem Fall bestes Beispiel dafür, dass Sport verbindet: Menschen verschiedener Herkunft, Können und Glück und eben auch Fußball mit Wirtschaftspolitik, denn in und um die Stadien dieser Welt findet alles seinen Platz; nur eben nicht der Rassismus.
Wirtschaftlich das gesamte Griechenland ein Schuldner und eben darum nun also auch sportlich gegen Deutschland in der Bringschuld wie Jerome Boateng nach Gina-Lisa.
Griechenland, vom sympathisch-schüchternen Mehmet Scholl zum „Viertelfinalgegner mit einer Schleife darum“ erklärt – ein geschenkter Sieg.
Also was sprach generell noch gegen einen Triumph der deutschen Mannschaft an diesem Abend? Jerome Boateng hatte seine Sache letztendlich gegen Ronaldo ja auch ganz gut gemacht.
Deshalb: Die Stimmung nicht nur in Fußballhamburg sonnig auf meinem Weg zum Fan-Fest auf dem Heiligengeistfeld. Nur am Himmel sind dunkle Wolken aufgezogen. Tatsächlich lässt der Regen, angekommen beim Public Viewing, nicht lange auf sich warten. Ich habe keinen Schirm, also ziehe ich mich ins „Michelangelo“, ein nahegelegenes italienisches Restaurant, zurück.
Da sich auch der Eigentümer Angelo sicher ist: Deutschland zieht ungeschlagen ins Halbfinale ein, kann das Spiel nun also beginnen, entspannt mit einer Pizza Napoli im Trockenen und Platzregen draußen vor dem Fenster.
Als Deutschland gegen Griechenland zur Halbzeit führt, hat der Regen nachgelassen und ich habe den Entschluss gefasst, dem hamburger Fan-Fest doch noch einen Besuch abzustatten.
Als ich jedoch meine Pizza bezahlen will, stelle ich fest, dass ich kein Geld mehr habe. Irgendwie müssen das „Michelangelo“ und ich nun „verbleiben“. Ich gebe mein Iphone in Pfand und verspreche später noch einmal mit Geld vorbeizukommen.  

Auf dem heiligen Geistfeld trägt man an diesem Abend mehrheitlich Übergewicht und Deutschlandtrikot.
Die vom Regen verschmierte schwarz-rot-goldene Gesichtsbemalung vieler Deutschlandfans gleicht nun vielmehr verheulter Mascara, doch um mich herum: Allgemeine Heiterkeit.
Man hat schon getrunken, dänisches Carlsberg, doch der Durst lässt sich nicht vertreiben. Genauso wie die gute Laune.
„Deutschland?“, fragt es aus den Lautsprechen, das „an“ ganz langgezogen. „Eins!“, antwortet die Menge einstimmig. „Griechenland?“, fragt es erneut. „Null!“, die Menge.
Alles läuft nach Plan.
Als nach 55 Minuten dann plötzlich der Ausgleich steht, will man das Ergebnis nicht so recht wahrhaben. Ich schaue mich um und blicke in deutsche Fangesichter, mehr grinsend als ungläubig. An einen Sieg der Griechen glaubt hier niemand.
Und tatsächlich geht Deutschland in der 61 Minute erneut in Führung. Der Torschütze Samy Khedira bestätigt, was der Mann neben mir schon immer wusste: Er ist ein guter Typ.
Es ist die 67 Minute. Andre Schürrle wird ausgewechselt. „Ja, weg mit ihm!“, kommentiert der Mann neben mir und schaut mich Achtung heischend an. Ich nicke ihm zu und nehme seinen Kommentar zum Anlass, ihn genauer zu betrachten: Eckige Matthias Opdenhövel-Brille, Nivea-Deutschlandtrikot „Jogis 12. Mann“, Cargo Hosen, eine recht normale Frisur. Ich muss zugeben: Äußerlich nicht die Person, der ich pauschale Fußball-Weisheiten zutraue, dafür fehlt ihm der Schnauzer – oder zumindest das Übergewicht. Mehr so der Student.
Und, wer ist denn eigentlich dieser Andre Schürrle, der sich soeben auf der Ersatzbank niedergelassen hat? Ja, mein Fußballwissen war 2006 auch mal größer.
Mein Blick fällt auf eine Gruppe deutschlandfarbener Mädchen, die ein paar Schritte entfernt von mir lärmen. Ach so, es steht drei zu eins für Deutschland.
Es ist diese Art größtenteils femininer Fußball – Party – Patriotismus verbunden mit meinen fehlenden Wissen über die deutsche Mannschaft, die mich inmitten der allgemeinen Freude nachdenklich werden lässt. Deutschlandfan, alle zwei Jahre mal – werde ich jetzt auch so? Ich springe besser ein wenig auf und ab.
Man spritzt mit Bier. Auch, wenn das Spiel noch nicht beendet ist, nun steht fest: Deutschland wird gewinnen.
Das folgende 4:1 geht im Jubel unter. In meiner Nähe zündet sich eine Gruppe Männer eine Zigarre an. Siegeszigarre.
Close up: Das Gesicht eines griechischen Fans füllt die gesamte Leinwand des Public Viewings aus. Blutunterlaufene Augen, die untere Hälfte des blau-weiß geschminkten Gesichts in der Hand vergraben.

Hätte man im Wettbüro an diesem Tag 10 Euro auf Griechenland gesetzt, so hätte man 180 Euro gewonnen. Ich habe nicht gewettet, denn es gab niemanden, der im Vorfeld der deutschen Mannschaft ernsthaft eine Niederlage zugetraut hätte – jedenfalls nicht hier.
Doch das kummervolle Gesicht des griechischen Fans zeigt mir inmitten dieser schwarz-rot-goldenen Deutschlandparty, dass es auch Menschen gibt, die auf einen Sieg der Hellenen gehofft hatten.
Ich will das Heiligengeistfeld verlassen. Kurz bevor ich den Ausgang erreicht habe, fällt das 4:2. Euphorisch winkt man den gegnerischen Treffer ab. Ja, jetzt gönnt man den Griechen alles – nur eben keinen Sieg.
In der Ferne wird ein Feuerwerk gezündet.
Für den Begriff „Zahltag“ ist nach diesem Spiel wahrlich kein Platz mehr vorhanden, das Ergebnis zu eindeutig. Man will ja auch kein Salz in die Wunde streuen. Mit vier Gegentreffern im Viertefinale ausgeschieden. Für Griechenland bleibt nur die Fahrt nach hause und abseits des Fußballplatzes eine ernste von der Schuldenkrise geprägte Realität.

Alles, was nun für mich bleibt, ist dieser Abend im Juni, nass und schwül ist er, geschwängert von Fangesängen und nochmal ins „Michelangelo“ – Schulden begleichen.


Dienstag, 19. Juni 2012

Schatten und schemenhaft


Vor mir liegt ein Tag trüb, wie aus Milchglas. Verschwommen, nicht, weil sein Ausgang mir ungewiss ist. Ich kann vielmehr die Welt um mich herum nicht erkennen, weil meine Augen ihr nicht gewachsen sind.
Auf dem Boden liegt meine Brille, die Gläser zerbrochen.

Montag, 18. Juni 2012

Diktatoren, der dritte Teil


Mein Vater kann so nett sein, habe ich gemerkt, doch ist er immer nur nett, wenn er nicht zu hause ist. Zu hause ist er gemein zu uns, zu meiner Mutter und mir und zu unserem Hund.
Da streiten sich meine Eltern immer und dann nimmt mein Vater meiner Mutter immer Sachen weg, die sie zum Leben braucht, wie die Fernbedienung oder die Autoschlüssel. Zu hause unterdrückt mein Vater uns, genauso wie Hitler, der den Juden auch lebenswichtige Sachen weggenommen hat und ihnen viel verboten hat. Aber das sage ich meinem Vater nicht, denn er würde sehr wütend werden und ganz fürchterlich mit mir schimpfen und ich müsste mich an die Wand stellen, für eine halbe Stunde oder auch für länger.

Hitler beschäftigt mich. Seit der einen Nacht, in der mein Vater mir von Hitler erzählt hat, muss ich immer an ihn denken. Und mir fällt auf, dass heute viele Leute Hitler ähnlich sind. Viele Menschen tun böse Dinge, die Hitler auch gemacht hat. Und wenn ich jetzt Bilder male, dann sehen alle Leute, die ich nicht mag, aus wie Hitler. Und Hitler hatte auch ein Symbol. Es heißt Hakenkreuz. Und als ich es mit einem Stein in den Lack vom Auto meines Vaters gekratzt hab, wurde er wieder fürchterlich wütend und hat geschrieen.

Wenn mein Vater so zu meiner Mutter ist, dann macht mich das traurig und auch wütend. Dann bekomme ich in der Nacht Alpträume und am nächsten Tag in der Schule bin ich dann schlecht gelaunt und frech zu Fräulein Krieger.

Wie an dem Tag, als meine Klasse einen Ausflug gemacht hat und ich so wütend auf den bösen Michi wurde, weil er mich die ganze Zeit ärgerte und mich einen Juden nannte, dass ich ihn, als er Charlotte einen seiner gelb – goldenen Sterne ins Auge drückte, auf die Straße geschubst hab und er überfahren wurde.
Jetzt ist der böse Michi tot. Und Fräulein Krieger, die ist auch tot, denn die ist nach dem Michi auf die Straße gelaufen, um nach ihm zu sehen und wurde auch überfahren.
Und mein Vater, der ist weg. Der ist nämlich jetzt im Gefängnis, weil er nicht auf mich aufgepasst hat und weil er meine Mutter bedroht hat.
Aber dass meine Mutter nun glücklicher ist, jetzt wo mein Vater weg ist, nein, das denke ich nicht, denn sie macht immer ein trauriges Gesicht. Ich bin auch ein bisschen traurig. Vielleicht mochte sie meinen Vater ja doch ganz gerne.

Meine neue Schule ist eine besondere Schule. Ich wohne hier auch. Alle sind nett zu mir und kümmern sich viel um mich. Trotzdem wird mein Zimmer zur Nacht abgeschlossen und ich kann nicht noch einmal aufstehen und zur Toilette gehen.
Rausgucken kann man auch nicht so gut, denn vor den Fenstern sind Gitter.

Viel Ärger habe ich für die Sache mit dem bösen Michi und Fräulein Krieger nicht bekommen, ich denke, die anderen sind einfach glücklich, weil die beiden jetzt niemanden mehr ärgern. Deshalb hätte vielleicht auch jemand Hitler auf die Straße schubsen sollen, als er noch ganz klein war.

Sonntag, 17. Juni 2012

Exkursionen: Photografie

Photoshop kann jeder.
Dieses Bild ist unbearbeitet.
Keine Hipster - Analogphotografie. Keine Masken.
Hilfsmittel: Taschenlampe.



Donnerstag, 14. Juni 2012

Diktatoren, der zweite Teil


Und nach dem Erwachsenengespräch haben wieder alle ganz fürchterlich geschimpft mit mir und jetzt darf ich den bösen Michi nicht mehr angucken.
Und das ist ganz fürchterlich ungerecht, denn der böse Michi guckt mich immer an. Der böse Michi wirft auch mit Sachen nach mir, wenn Fräulein Krieger nicht guckt. Einmal hat er im Unterricht den Klassenleguan nach mir geworfen. Und ein anderes Mal da hat der böse Michi das Klassenprojekt Hühnerei nach mir geworfen und das ist dann kaputt gegangen und mein ganzes Haar war voller Hühnerei und ich habe angefangen zu weinen und alle haben gelacht und ich habe stärker geweint und alle haben stärker gelacht und Fräulein Krieger, die auch gelacht hat, hat mir dann einen gelb – goldenen Stern weggenommen, für mein schlechtes Betragen.
Und wenn ich aufs Klo gehe, dann ist der böse Michi schon da und zwingt mich Seife zu essen. Und wenn ich in die Klasse gehe, dann wirft der böse Michi mit Sachen nach mir. Und wenn ich raus auf den Schulhof gehe, dann ist der böse Michi auch schon da und zwingt mich Sand zu Essen. Und wenn ich dann wieder nach drinnen gehe, dann folgt mir der böse Michi und wirft mit Sand nach mir. Und wenn dann die Schule aus ist und es nicht Montags oder Mittwochs ist, dann war der böse Michi schon da und hat die Luft aus meinen Fahrradreifen gelassen.
Und Fräulein Krieger, die ja eigentlich gelb – goldene Sterne verteilt und zu vielen Kindern unfreundlich ist, außer zu Erwachsenen und dem bösen Michi, nimmt mir meine gelb – goldenen Sterne weg.
So ist es jeden Tag.

Einmal hat mein Vater mit mir vor dem ins Bett gehen über Hitler gesprochen, weil er meinte, ich müsse mich mit unserer deutschen Geschichte auseinander setzen. Und er hat mir auch erklärt, dass Hitler ein sehr böser Mensch war, der auch gelb – goldene Sterne an die Juden verteilte.
Ich konnte diese Nacht nicht schlafen, weil ich die ganze Zeit über Hitler nachdenken musste. Ich mag diesen Hitler nicht, weil er böse Sachen gemacht hat und gemein zu den Juden war. Das erinnert mich an Fräulein Krieger, die auch gelb – goldene Sterne verteilt und den bösen Michi. Beide sind auch jeden Tag ganz schrecklich gemein zu mir.

Und als Fräulein Krieger am nächsten Tag in der Schule gemein zu mir war, da hab ich sie einfach „Hitler“ genannt. Und dann haben alle, also der Direktor, meine Eltern und Fräulein Krieger mit mir geschimpft, so doll wie, als mich der böse Michi gezwungen hatte, die Sterne auf seiner Unterhose zu zählen.
Und dann hatten alle ein Erwachsenengespräch, also nicht die Art wie mein Vater und Fräulein Krieger immer haben. Nein, die andere Art. Und dann haben sie gesagt, dass es vielleicht besser wäre, wenn ich auf eine andere Schule ginge. Und das freute mich, denn dann wäre ich ja weg von Fräulein Krieger und dem bösen Michi und die beiden könnten mich nicht mehr ärgern.

Jetzt bin ich aber immer noch hier, denn mein Vater war sehr nett zu allen und hat durchgesetzt, dass ich auf dieser Schule bleibe. Es hat sich nicht so viel geändert, nur dass Fräulein Krieger mich noch weniger mag, der Michi noch gemeiner zu mir ist und ich jetzt mit keinem anderen mehr spielen darf, weil die Eltern der anderen Kinder von dieser Geschichte gehört haben und mich jetzt auch nicht mehr mögen.

Samstag, 9. Juni 2012

Diktatoren, der erste Teil


Meine Klassenlehrerin, das war in der zweiten Klasse das Fräulein Krieger. Das Fräulein Krieger sieht ganz toll aus, mit ihren hochgesteckten Haaren und ihrer halbmondförmigen Brille, so sagt mein Vater. Zudem redet mein Vater auch über die langen Beine des Fräulein Krieger und über ihr Dekollete, aber ich weiß nicht was das ist, ein Dekollete, und darum interessiert es mich auch nicht. Ich bin ja schließlich erst sieben und mit sieben da hat man noch ganz andere Sachen im Sinn, so sagt mein Vater.
Montags und Mittwochs ist mein Vater schon früher mit der Arbeit fertig und kommt dann in die Schule, um mich abzuholen. Und wenn es dann klingelt, dann steht er immer schon vor dem Klassenraum und wartet auf mich. 
Aber meistens muss ich immer warten, denn mein Vater führt wichtige Gespräche mit Fräulein Krieger. Und dann setzt sich Fräulein Krieger auf das Pult und steckt sich einen Bleistift in den Mund und kaut darauf herum, obwohl ich das immer nie darf und dann schaut sie meinen Vater über ihre halbmondförmige Brille hinweg an. Und dann fangen beide an sich zu unterhalten, Erwachsenengespräche, so sagt mein Vater. Und Fräulein Krieger kichert dann immer die ganze Zeit und mein Vater guckt ihr überall hin, nur nicht ins Gesicht. So erwachsen sehen die beiden gar nicht aus, wenn sie reden, sie erinnern mich eher ein bisschen an die Mädchen aus meiner Klasse, aber das sage ich ihnen nicht, denn das ist frech und Fräulein Krieger würde ganz fürchterlich anfangen zu schimpfen und am Ende da würde ich weinen, weil mir alles so Leid tut.
Und dann würden alle lachen und ich würde noch stärker weinen und alle würden noch stärker lachen und Fräulein Krieger würde mir dann einen gelb – goldenen Stern wegnehmen, für mein schlechtes Betragen, würde sie sagen.
Ach ja, in der Schule verteilt Fräulein Krieger gelb – goldene Sterne. Die kriegt man, wenn man seine Hausaufgaben gut macht, oder ihr ein schönes Bild malt oder nett zu anderen ist oder wenn man einfach gar nichts macht wie der böse Michi. Aber das der Michi böse ist, dass weiß Fräulein Krieger nicht, denn er ist nur böse wenn Fräulein Krieger nicht hinschaut und wenn sie hinschaut, dann ist der Michi eben nicht böse, dann ist er lieb. Und deshalb bekommt der böse Michi von Fräulein Krieger auch so viele Sterne. 17 goldene Sterne hat der böse Michi schon und die kann man sich auch anstecken und dann läuft der böse Michi immer durch die Schule und zeigt jedem wie viele Sterne er hat und dann zwingt er alle die Sterne laut zu zählen.
Und einmal da hat der böse Michi mir in der Pause aufgelauert und mich gezwungen, seine Sterne zu zählen, täte ich es nicht, würde er mich für jeden Stern ins Gesicht hauen, hat er gedroht und dann hab ich seine Sterne gezählt aber drei Sterne hat der böse Michi an seine Unterhose geheftet und als Fräulein Krieger kam, da stand der Michi dann vor mir nur in Unterhose und ich war gerade fertig mit zählen geworden. Und als der böse Michi Fräulein Krieger gesehen hat, da hat er angefangen zu jammern und gemeint ich hätte ihn gezwungen sich auszuziehen, täte er es nicht, würde ich ihn für jeden seiner Sterne ins Gesicht hauen, hat er gesagt. 
Und da hat auch Fräulein Krieger angefangen zu weinen und sich ihre halbmondförmige Brille abgesetzt, um sich mit ihrer Hand über die Augen zu fahren und sich den Mund zuzuhalten. Dann hat sie angefangen ganz fürchterlich zu schimpfen und anzukündigen, sie werde mir meine ganzen gelb – goldenen Sterne wegnehmen und sie dem Michi geben, weil er so tapfer sei und sich nicht von mir unterkriegen lasse. Aber ich hatte ja gar keine Sterne, die ich dem bösen Michi hätte geben können. 
Dann hat sie mich mit zum Direktor genommen und meine Eltern und Michis Eltern haben geredet, Erwachsenengespräche, so sagt mein Vater. Aber nicht die Art wie sich Fräulein Krieger und mein Vater unterhalten. Nein, es gibt noch eine zweite Art.

Freitag, 1. Juni 2012

Letzte Nacht - Film

Ein Film über Wünsche und die Zukunft, Wodka und die Nacht, über Gedanken und Schwerfälligkeit, Schönheit und Augenblicke - ein Film über Filme. 





Dienstag, 29. Mai 2012

Was bisher geschah




Als die Dunkelheit einsetzt, verlässt Edun sein Versteck, das hohe Binsengras, in dessen Schutz er es die vergangenen Stunden vermocht hatte, sich vor Yuri und den anderen verborgen zu halten. 



Die Nacht soll ihm nun heraushelfen aus diesem Park und mit ein bisschen Glück bis an den Strand von St. Petersburg, wo er Sorokin und die „Mach 13“, dessen altes, fleischfressendes Atom-U-Boot erwartet.
Die Lichter der Stadt helfen Edun, die Distanz zu den dunklen Mauern des Parks zu bewahren, hinter denen er Yuri und die anderen fürchtet. 
Dass Yuri die schneebedeckten Pfade der Parklandschaft nicht wie die anderen nach Einbruch der Dunkelheit verlassen hat und immer noch auf der Suche ist nach Edun und dessen Briefen an Wacholda, ahnt dieser nicht.



Als Kaminer und Grubach in der Orangerie aufeinandertreffen kommt es zu einem Duell. Der Beamtenaspirant Kaminer wird schwer verwundet, obgleich es ihm gelingt, seinen Opponenten, den Geheimagenten Grubach, zu töten.
Mit letzter Kraft schleppt sich Kaminer nach draußen, wo er nicht weit der Orangerie dem frustrierten Yuri begegnet. Seit Stunden schon lauert dieser auf Edun, verborgen in den Schatten der elektrischen Parkbeleuchtung.
Mit von Blut und Schmerz getrübtem Blick hält Kaminer Yuri für den flüchtigen Edun und kommt auf dessen Plan von der Flucht über St. Petersburg zu sprechen. Yuri, der in dem verwirrten Beamtenaspiranten eine hilfreiche Chance für sich zu erkennen vermutet, lässt Kaminer in dem Glauben, er unterhalte sich tatsächlich mit Edun.



Als Yuri merkt, dass auch die Konzentrationsfähigkeit des tödlich Verwundeten schwindet und er schon bald nicht mehr in der Lage sein wird, Informationen preiszugeben, macht er sich an die Verfolgung des flüchtigen Edun. Den sterbenden Beamtenaspiranten Kaminer lässt er zurück.
Einsam auf einer Parkbank zusammengesunken, im Schein einer Laterne erliegt Kaminer endlich seinen Verletzungen.

Es beginnt zu schneien.