Hamburg, April 2012
Samstag, 22. Dezember 2012
Mittwoch, 19. Dezember 2012
Freitag, 30. November 2012
Werbung.
„Kennen Sie das nicht auch,
meine Damen und Herren, liebe Zuschauer zuhause an den Fernsehgeräten?
Eine Million grandiose
Gedanken, die Ihnen einfach nicht mehr aus dem Kopf wollen?
Oder aber dies: Sie sind
stolzer Besitzer einer blühenden Phantasie, ein Schöngeist, dessen Pflicht es
geradezu ist, die anderen Menschen an seinem glanzvoll großartigen Geist
teilhaben zu lassen. Jedoch, wer hat in dieser Zeit, in der immer alles schnell
gehen muss, schon eine Minute, um sich mit Ihnen hinzusetzen und sich von Ihren
Ideen verzaubern zu lassen?
Klassisch!
Einmal ganz unverblümt:
Wissen Sie, was ihr angeblich so netter Herr Nachbar im Allgemeinen in seiner
Freizeit macht? Ist er pädophil, ein Frauenschläger gar, Zuhälter oder besitzt
ein Crack-Labor, von dem Sie nichts wissen – aber wissen sollten!
Ja, Sie haben ein Recht auf
Wissen, liebe Zuschauer zuhause an den Fernsehgeräten, meine Damen und Herren. Und
Sie haben eine Pflicht! Ja, Sie haben mich richtig verstanden! Gehen Sie noch
heute daraus in die Welt und zeigen Sie den Leuten, was in Ihnen steckt!
Wussten Sie, dass gerade das
von allen so hochgelobte Internet Grenzen hat? Auch ein gigantisch großer Raum
hat Wände, meine lieben Damen und Herren. Wände, die auch Menschen mit Ihrem
Potenzial irgendwann einmal den Weg versperren werden. Ihr Geist jedoch kennt
keine Grenzen.
Ich bitte sie, meine Damen
und Herren, liebe Zuschauer zuhause an den Fernsehgeräten, erfüllen Sie Ihre
Pflicht. Machen Sie Ihren Geist frei und lassen Sie die Menschen um Sie herum
noch ein bisschen mehr an Ihrem Leben teilhaben.
In jedem von Ihnen steckt
ein Picasso, ein Peter Tchaikovsky, ein Aristoteles, ein Rudi Carrel, auf den
die Welt gewartet hat.
Wie Sie Ihn hinaus lassen,
fragen Sie sich? Nun, ich präsentiere Ihnen heute stolz eine Weltinnovation –
den ‚Thinking-Out-Of-The-Box-Chip’.
Glauben Sie mir, wenn ich
Ihnen sage, dass dieser Chip, den ich hier in meiner Hand halte, pure Magie ist,
meine Damen und Herren.
Wie er funktioniert, fragen
Sie sich? Nun, einfacher könnte die Antwort auf diese Frage sicher nicht sein. Stellen
Sie sich Ihren Körper als Box vor, in der Ihr Geist – noch, meine Damen und
Herren – gefangen ist.
Einmal in Ihr Gehirn
eingesetzt, macht der ‚Thinking-Out-Of-The-Box-Chip’ ihre Gedanken sichtbar; er
projiziert die Bilder aus Ihrem wunderschönen Geist direkt durch Ihre Augen
nach draußen und lässt so Ihr Umfeld direkt, einfach und kostenlos an Ihrem
Innenleben teilhaben.
Ist das nicht unglaublich,
meine Damen und Herren, verehrte Zuschauer zuhause an den Bildschirmen?
Und ich gehe noch weiter und
räume Ihnen sämtliche Bedenken aus dem Weg: (Unter Vollnarkose) ist der Prozess
des Chip Einsetzens in Ihr Gehirn vollkommen schmerzfrei. Noch nicht einmal
eine kahle Stelle, eine Narbe, wird Ihnen auf dem Schädel zurück bleiben, da qualifizierte
Experten den Chip durch einen sauberen Schnitt im Hals einführen und mit garantiert
antiseptischen Drähten sicher in Ihr Gehirn – ähm... ‚schieben’.
Ich kann Ihnen sagen: In
einer Welt ohne den ‚Thinking-Out-Of-The-Box-Chip’ kann und will ich persönlich
nicht mehr leben. Was ist mit Ihnen, meine Damen und Herren?
Nutzen Sie Ihre Chance,
greifen Sie zum Telephon und bestellen Sie unter der eingeblendeten Nummer.
Auch Onlinebestellungen möglich!“
„Wo er recht hat...“, sagte
ich den Fernseher leiser stellend und griff nach meinem neuen Iphone 11.
Dienstag, 27. November 2012
Sonntag, 25. November 2012
Freitag, 23. November 2012
Der Plan
Charakternacht. Unter der
altersblind-trüben Beleuchtung der Bar hatte er es auf irgendeine Weise
vermocht, mich aufzuspüren und endlich, nachdem sich unsere Blicke ein paar mal
gekreuzt hatten, angesprochen. Tresengespräche geprägt von der Atmosphäre und
dem Rauch, der uns schließlich zu Kopf gestiegen war.
Zweimal „Whisky on the
Rocks“ hatte er bestellt – einen davon doppelt für sich. Das Glas in der Hand
kreisen lassen und dann ganz tief eintauchen in die Spirituose, nach deren
Genuss jeder ein bisschen so klingt wie Bill Withers. Aufgetaucht waren wir letztlich
als Freunde – für diesen Moment, für eine Nacht.
Da in meinem Kopf kein Platz
mehr für eigene Gedanken war, hatte ich seinem lockenden „Ganzer-Seemann-Bariton“
nachgegeben und mich für eine Weile in seinen Geschichten verloren. Irgendwann
war er dann ganz unruhig geworden und hatte mir mit fahrig-fieberhafter Stimme
anvertraut:
„Du wirst es doch niemandem
weitererzählen, ja? Du wirst zu keinem ein Wort sagen, zu niemandem nicht? Es
verhält sich nämlich so: Wir haben hier unten nur noch ein paar Wochen. Im
Dezember geht die Welt unter und die Menschheit mit ihr. Weißt du das? Die
Leute wollen nichts von einem Untergang hören. Doch es gab Zeichen. Nun, ich
habe diese Signale erkannt und ihnen Glauben geschenkt.
Auf einem riesigen Flamingo
– 5 Meter groß – den ich das gesamte letzte Jahr gehegt und gepflegt, speziell
genährt habe, damit er so groß wird, werde ich diesen Planeten verlassen, um
nach „Formalhaut“, ein soweit unentdeckter Zwillingsplanet des Merkur zu
reisen.
Auf Formalhaut existiert
kein Krieg, aber auch kein Frieden. Dafür ist dieser Planet ein exzellentes
Beispiel für Nachhaltigkeit – und das ist doch worauf es langfristig ankommt,
oder nicht? Alle dortigen Bewohner pflegen sich nur in Lokomotiven aus Milch
fortzubewegen. Kannst du dir das vorstellen? Freilich, es gibt dort auch keine
Sprache, so wie wir sie kennen. Stattdessen vermögen es die Bewohner aus Asche
Geräusche zu erzeugen, die fast wie Musik klingen. Sie kommunizieren durch
Musik! Ist das nicht unglaublich?
Warum ich noch niemandem
außer dir vom Planeten „Formalhaut“ erzählt habe, fragst du dich? Nun ja, ich
will ganz offen zu dir sprechen: Es handelt sich um eine Eigenart von mir.
Manchmal stelle ich mir vor, dass ich nicht der einzige Mensch auf der Welt
bin, der die Zeichen richtig zu deuten vermochte. Was ist, wenn manch anderer
auch etwas gesehen hat und schon dabei ist, seine persönliche Evakuierung zu
planen? Könntest du, wenn du an auf der Straße an mir vorbeiliefest erraten,
was ich vorhabe?
Wüsste ich nun also, dass
jemand anderes auf einen mir unbekannten Himmelskörper zu fliehen gedenkt, ein
Planetoid, der gar um ein Vielfaches herrlicher wäre als der mir bekannte „Formalhaut“,
so wäre ich gewiss mit meiner Entscheidung nicht mehr zufrieden. Ja, ich finge
an, mir Vorwürfe zu machen, diesen besseren Planeten nicht selbst entdeckt zu
haben. Freilich würde ich mich nicht vollends gut fühlen; lebendig, obgleich
wohl wissend, dass es anderen Menschen auf anderen Planeten besser ginge als
mir.
Diese Gedanken würden mich
so beschäftigen, dass ich überdies meine eigene Fluchtplanung zur Nebensache
erklären würde. Ganz unterbewusst.
Am Tag des Untergangs der
Erde – der Himmel hätte sich blutrot verfärbt, niederstürzende Meteoriten –
würde mir mein eigener unausgeführter Fluchtplan schlagartig wieder bewusst.
Doch es wäre alles zu spät. Ich würde sterben – einen Tod, so schrecklich anonym,
wohl wissend, dass es klügere Menschen gibt, die weiterleben.
Als man uns schließlich im
Morgengrauen hinauswarf, da hatte ich es eilig, von dem Fremden, der mich so
offenherzig über seine Pläne informiert hatte, fortzukommen. Wortkarg
verabschiedete ich mich und machte mich auf den Weg nach hause.
Dort angekommen, hinter der
verschlossen Tür, die Jalousien heruntergelassen, empfand ich so etwas wie
Mitleid für den Fremden.
Wusste er doch nicht, dass
auch ich den Plan hegte, den Planeten Erde zu verlassen. Vorige Woche war die
Bestätigung eingegangen: Ich besaß nun die Erlaubnis auf „Elysium_h9“
einzureisen.
Ein Planetoid, geschaffen
wie das Paradies.
Mittwoch, 21. November 2012
Sonntag, 18. November 2012
Zukunftsvisionen
Am Abend des 24. Dezembers,
von einem Erdloch aus, inmitten eines wüsten Ödlandes, einem zerfurcht
verwesenden Kadavers, der früher einmal ‚Deutschland’ hieß.
Liebes Väterchen Frost,
Der Wind pfeift so
schneidend. Versuche ich mir mein eigen geschrieben Wort nochmals laut
vorzulesen, so scheitere ich kläglich. Ich kann meine Stimme nicht hören – der Sturm,
draußen vor dem Erdloch, das ich mein Heim nenne, saust mir zu laut in den
Ohren.
Mir ist ganz kalt.
Hinter mir auf dem blanken
Erdboden, da vermodern meine Gedanken, genauso wie die Fuhre verfaulender
dänischer Drachenfrüchte. Ihre trüben Leichensäfte haben den Grund bereits
durchgetränkt, auf dem ich später am Abend zu schlafen versuchen werde.
Ich habe Hunger, doch seit
jegliche Form der Wirtschaft aufhörte zu existieren, gibt es nichts anderes
mehr zu essen als eben jene solcher Früchte.
Wen ich für diese
allerschlimmste jeglicher Plagen verantwortliche mache? Plötzlich war sie da –
gekommen, um zu verwüsten – die dänische Drachenfrucht, Obst allen Übels.
Doch wie hatte es soweit
kommen können? Im Nachhinein galt es soweit als erwiesen, dass man nichts hatte
ahnen, unmöglich etwas wissen können.
Die holländische Tulpenhysterie
1637 laut der Experten nur ein vermeintlich ähnlicher Fall, in Wirklichkeit
jedoch komplett unterschiedlich.
Zu greis, um sie ernst
zunehmen. Zu altbacken, um noch etwas aus ihr zu lernen. Und spätestens seit
2014 war allgemein bewiesen: Geschichte wiederholt sich eben doch nicht.
Im
Jahre 2021 gelang es dänischen Forschern nach jahrelangen grausam-ergebnislosen
Experimenten chemisch eine Frucht zu entwickeln, unübertroffen an Aroma und
Aussehen: die dänische Drachenfrucht. Letztendlich unterschied sich diese
europäische Variante nicht wirklich von ihrer asiatischen Stiefschwester, die
vor etlichen Jahren als Folge der Klimakriege ausgerottet worden war. Sie war
vielleicht ein wenig saftiger, ein wenig pausbäckig-rosiger, ein wenig üppiger
in ihrer Form, doch letztendlich mehr oder weniger das selbe Obst-Erzeugnis,
das man in der Vergangenheit von unserem Planeten ausradiert hatte.
Vielleicht
weil sie in der Zwischenzeit komplett aus dem Gedächtnis der Menschheit
verschwunden war, sollte sich die dänische Drachenfrucht, als sie auf die
Märkte der Welt zurückkehrte, allergrößter Beliebtheit erfreuen.
Schon
bald war die sie saftig-triefend in aller Munde.
Noch
am Anfang zum Hauptnahrungsmittel in der obdachlosen Szene erklärt, war sie
nicht nur äußerlich perfekt und sättigend – nein, sie war vor allen Dinge
bezahlbar, um nicht zu sagen: grotesk-günstig.
Dies
sollte sich freilich alsbald ändern, denn mit der steigenden Nachfrage der
Drachenfrucht vervielfachten sich auch blitzartig ihre Preise. Nach einem halben
Jahr musste man für eine der dänischen Früchte eine Million US-Dollar bezahlen;
und das taten die Leute auch. Bereitwillig nahm man Kredite auf, denn die
Drachenfrucht war als größter Trend aller Zeiten prononciert.
Schließlich
kippte die Stimmung. Es war ein Montag, an dem letztendlich herauskommen sollte,
dass die dänische Drachenfrucht in Wirklichkeit AIDS auslöst.
Sofort
versuchten die Menschen panisch zu verkaufen, doch es fanden sich keine Käufer
mehr. Noch nicht einmal geschenkt wollte man eine der zuvor so geliebten
Früchte entgegen nehmen.
Die
Weltwirtschaft, die sich mittlerweile komplett auf dänische Drachenfrüchte
fokussiert hatte, war zu schnell für tot erklärt, um ihren letzten Atem
auszuhauchen.
Liebes
Väterchen Frost,
nun
kennst du meine Geschichte, geprägt von der Entwicklung der dämonisch dänischen
Drachenfrucht. Du siehst mich heute bettelarm, mein Leben in einem Erdloch
fristen. Ich habe mehrfach Aids und schlimmen Husten.
Vielleicht
hast du ein paar warme Socken für mich – oder zur Abwechslung mal einen rot
glänzenden Apfel?
Samstag, 17. November 2012
Donnerstag, 8. November 2012
Tagträume, die mein Herz erwärmen
Und da ich jetzt Student bin, erlebe ich solche Sachen.
Hier
im Hörsaal ist es angenehm warm. Heizen die von der Leuphana eigentlich mit
Biostrom?
Von
meinem Platz im Auditorium habe ich einen guten Blick durch die Fenster nach
draußen und kann beobachten, wie die Natur um mich herum verwelkt. Es wird
Winter. Die sonnigen Tage am Wochenende – ein letztes Aufbäumen. Doch die Kälte
kommt mit schnellen Schritten, schon am nächsten Wochenende sollen es nur noch
fünf Grad sein.
Ganz
vorne im Hörsaal steht Doktor Kora Kristof; sie kommt vom Umweltbundesamt und
will uns etwas über Nachhaltigkeit erzählen. Ihr Thema: „Globaler Wandel als
gesellschaftliche Herausforderung: Multiple Krisen und die große
Transformation“.
Kora
Kristof beginnt. Es geht um Leitfragen. Ich schreibe artig mit: „Was erwärmt
Ihr Herz und fühlt sich gut für Sie an...“ – Ja, das könnte ich Frau Doktor
leicht beantworten. Nun, gewiss würde ich mich besser fühlen, wenn ich etwas zu
Essen bekäme, denn ich habe Hunger. In meinem Rucksack finde ich einen
Apfel.
Während
Kora Kristof so redet, schweift mein Blick immer wieder nach draußen auf die
Bäume vor dem Auditorium. Noch besitzen sie Blätter, doch auch diese haben sich
bereits angefangen zu verfärben und ein Großteil von ihnen befindet sich schon
tot, traurig auf der Erde zu ihrem Stamm zusammengefegt.
Wenn
ich die Bäume vor dem Fenster so betrachte, dann fällt mir auf, dass ich gar
nicht weiß, um was für Gewächse es sich handelt. Mein Blick kehrt wieder zu
Frau Kristof zurück, die währenddessen über „Urban-Gardening“ referiert und
schließlich auf den angebissen Apfel in meiner Hand.
Ich
stelle mir vor, wie es wäre, wenn statt dieser, mir namentlich unbekannter
Vegetation, sich Apfelbäume vor dem Auditorium befänden. Freilich könnte man
sich, bekäme man Hunger, einen frischen Apfel pflücken und würde Geld sparen.
Geld, das man sonst in der Mensa für ein warmes Mittagessen ausgegeben hätte.
Und
auch das Management der Universität würde gewiss einen Nutzen aus den
Apfelbäumen zu ziehen wissen. Ein Teil der Äpfel würden sie sicherlich zu Saft
verarbeiten und dann verkaufen. Schokoladenriegel und Süßigkeiten in der Mensa
würden durch luftgetrocknete Apfelringe, als auch Apfelkuchen ersetzt.
Ich
beiße ein großes Stück aus meinem „Holsteiner Cox“ heraus. Jedes Jahr würden
die Bäume neue Früchte tragen.
Ja,
während mir die Nachhaltigkeit im süßem Saft auf der Zunge zergeht, erinnert
mich meine Winterjacke, die zu meinen Füßen liegt daran, was die Natur draußen
vor dem Fenster bestätigt: Es ist Herbst.
Die
große Transformation zu einem mit Kernobstgewächsen bestückten Campus wird wohl
einstweilen ausbleiben.
Ich
schaue auf meine Notizen und mir fällt auf, dass ich Frau Doktor Kristofs Frage
am Anfang des Vortrages noch nicht zu Ende gelesen habe. „Was erwärmt Ihr Herz
und fühlt sich gut für Sie an rund um das Thema Nachhaltigkeit?“
Ja,
auch diese Frage kann ich sofort beantworten: Es fühlt sich gut an, zu wissen,
dass Mutter Erde nachhaltig noch nicht so geschädigt ist und auch weiterhin so
etwas wie Jahreszeiten zulässt. In einem halben Jahr wäre dann schon wieder Frühling. Die
ersten lauen Sonnenstrahlen und Maiglöckchen. Ja, der bloße Gedanke daran erwärmt
mir mein Herz.
Dienstag, 6. November 2012
Samstag, 3. November 2012
Die Klimaveränderung
Am späteren Nachmittag
begegnete ich zufällig an einer Bushaltestelle wartend meinem Bekannten Guido –
ein guter Typ, eigentlich.
Guido hatte soeben eine
Vorlesung über das Thema „Wissenschaft trägt Verantwortung“ mit dem Schwerpunkt
Nachhaltigkeit an der örtlichen Universität besucht und war noch immer ganz
erfüllt davon.
Schon am Vormittag waren
dunkle Wolken am Himmel aufgezogen. Diese hatten nun begonnen, sich zu
entladen. Kalte, schwere Tropfen. In den Straßen sammelte sich zusehends das
Wasser. Da sich der Bus verspäten sollte, begannen wir eine Unterhaltung.
„Ich will ja nicht den
Finger erheben-“, eröffnete Guido und streckte prüfend eine Hand unter dem Dach
der Bushaltestelle hervor. „Aber letztes Jahr war es zu dieser Jahreszeit um
einiges besser, das Wetter. Ja, ich kann mich noch erinnern: Auf den Tag genau
saßen wir draußen auf der Terrasse. Von einem ‚goldenen Herbst’ hatte man
gesprochen. Dieses Jahr ist es ja offensichtlich anders. Die Klimaveränderung
ist nah, fürchte ich. ‚Anzeichen!’, sage ich.“
„Guido...“, erwiderte ich,
vielleicht ein wenig zänkischer, als ich eigentlich hatte antworten wollen.
„Dass es nun so regnet, das hat eigentlich nichts mit der Klimaveränderung zu
tun. Vielmehr damit, dass es Herbst ist. Ein Anzeichen für die Klimaveränderung,
die nebenbei nicht irgendein Termin im Kalender ist, der von heute auf morgen
vor der Tür steht, sondern ein Prozess, wären zum Beispiel Palmen hier in
Norddeutschland.“
Guidos Antwort ging im
Rauschen des verspäteten Buses unter, der plötzlich aus dem dichten Regen vor
uns aufgetaucht war. Eine Silhouette, mächtig wie ein Wal, triefend, mit nach
außen gewölbten Scheiben, im Zwielicht lumineszierend wie Augäpfel. Als sich
die Türen öffneten, stiegen wir ein.
Im Bus war es trocken.
Zusammen mit den einladend leeren Sitzen bot das Innere des öffentlichen
Verkehrsmittels einen willkommenen Kontrast zu der Landschaft draußen, die nun durch
den starken Platzregen und die schattenhaft einsetzende Dämmerung schemenhaft
erkennbar nur so an mir vorbeizufliegen schien.
Soeben hatte ich unser
Gesprächsthema von vorhin wieder aufnehmen wollen und hatte gerade meine Lippen
für ein paar entschuldigende Worte an Guido für meine zuvor pejorative Antwort geöffnet,
als der Bus plötzlich eine unerwartete Vollbremsung machte und ich durch den
gesamten Wagen geschleudert wurde.
Ich musste bewusstlos
gewesen sein. Wie lange wusste ich nicht. Doch als ich aufwachte, hatte sich
die Welt um mich herum verändert.
Die zivilisierte
Infrastruktur war tropischer Vegetation, Palmen, Kakteen, epiphytischen
Orchideen gewichen. Die Überreste des starken Regens stiegen nun dampfartig
auf. Ich schälte mich aus meiner Winterjacke. Auch die Temperaturen hatten sich
verändert. Zuvor noch ungemütlich kalt, waren sie nun einer tropisch schwülen
Hitze gewichen.
Ich blickte mich suchend
nach Guido um, der just erwachte. Schweiß lief mir in die Augen, die ich
ungläubig zukniff. Ein Blick aus dem zerborstenen Fenster des Buses heraus. Kein
Lichtstrahl, da die dichte tropische Vegetation um mich herum jeglichen
Sonnenstrahl verschluckte.
War es möglich? Die
Klimaveränderung doch kein stetig schleichender Prozess? Behutsam waren wir aus
dem Wrack des Buses gestiegen und befanden uns auf einem dichten Wurzelwerk,
das aus dem Asphalt der Straße hervor gebrochen war.
Ob Effizienz- oder
Suffizienstrategie – aller Strategien der Nachhaltigkeit hatten versagt.
Ein letzter, stiller Blick
zu Guido bevor uns die unendliche Anonymität des Dschungels verschluckte und
nie wieder ausspeien sollte.
Donnerstag, 25. Oktober 2012
Dienstag, 16. Oktober 2012
Samstag, 13. Oktober 2012
Dienstag, 25. September 2012
Freitag, 21. September 2012
Dienstag, 18. September 2012
Donnerstag, 23. August 2012
Freitag, 17. August 2012
Donnerstag, 16. August 2012
Montag, 13. August 2012
Duschgeschichte, der zweite Teil
In einem Zahnputzbecher,
vielleicht eineinhalb Meter von der Dusche entfernt, steckte ein Schokoriegel –
eine Notration gegen zu Weilen aufkommende Hungergefühle. Ich konnte ihn nicht
erreichen, denn dafür hätte ich die Dusche verlassen müssen und wäre der Welt so
schutzlos ausgeliefert.
Also suchte ich weiter und endlich
fiel mein Blick auf ein griffbereites Cola-Shampoo, das ich mir einmal aus
lauter Nostalgie gekauft hatte. Durch die schäumende- hatte es sehr sättigende
Wirkung, als ich es mit ein bisschen Wasser vermischte und trank.
Schließlich war ich
gesättigt und zum ersten Mal seit Wochen sorgenfrei und zufrieden – glaube ich.
Ich hatte jegliches
Zeitgefühl verloren, da die Uhr im Badezimmer vom Wasserdampf beschlagen war.
Doch irgendwann – meine Beine waren vom vielen Stehen müde geworden –
verstellte ich den Duschkopf und setzte mich auf den Boden der Dusche, um ein
bisschen zu schlafen.
Die lange Zeit unter dem
Wasserstrahl brachte wieder eine gewisse Routine in mein Leben. Ich hatte feste
Zeiten, in denen ich auf dem Boden der Dusche schlief. Dann stand ich wieder aufrecht
und ließ mich vom Strahl des Wassers betäuben. Die Hand stets in der Nähe des
Thermostats, bereit die Wassertemperatur zu regulieren.
Diese Tätigkeit verschaffte
mir neben Schlaf- oder Betäubungsphasen die nötige Zerstreuung; eine
fortlaufend kleine Abwechslung in meinen Leben unter Dusche.
Das Shampoo war längst
aufgegessen, doch ich kannte kein Hungergefühl mehr, da mein Körper Wasser über
die Haut aufnahm und ich mich so praktisch satt trank. Schrumpelige
Fingerkuppen waren einst der Anfang gewesen, doch nun war ich durch das Wasser
so derartig aufgedunsen, dass ich mich zum Schlafen nicht mehr hinsetzen
musste. Mein Gewicht wurde nun gleichsam auf die Duschwände verteilt und ich
konnte bequem im Stehen schlafen.
Bestimmt waren Monate
vergangen, doch irgendwann wurde die Tür des Badezimmers aufgerissen und herein
kam – aus dem Mund blutend – Michael, der ein Stockwerk unter mir wohnte. Er
war wütend und gekommen, sich zu beschweren. Seit Tagen hatte es nicht
aufgehört, durch seine Decke zu tropfen.
Als ihm nach mehrmaligem
Klingen keiner die Wohnungstür geöffnet hatte, da hatte er sie einfach
eingetreten und war sofort über meinen vertrockneten Hund gestolpert, wobei er
sich den Mund aufschlug.
Um ihn zu beruhigen, bot ich
ihm an, mir für einen Moment unter der Dusche Gesellschaft zu leisten. Hier
könnte ich ihm meine Situation erklären und er könnte sich das Blut vom Mund
abwaschen.
Ich bat ihn, den nie in
Vergessenheit geratenen Schokoladenriegel aus dem Zahnputzbecher mitzubringen. Mit
der Zeit hatte ich vergessen, wie Schokolade schmeckt.
Michael nahm mein Angebot an
und folgte mir unter die Dusche. Er hatte den Schokoladenriegel mitgebracht,
doch ich musste zuschauen, wie er ihn aß, ohne mit mir zu teilen. Er war noch
immer sehr aufgebracht.
Die Zeit verging und Michael
blieb unter der Dusche. Hier sei es doch ganz schön, sagte er. Seine Wohnung
gleiche nun gewiss schon einem Aquarium, in dem nunmehr seine Katze voraussichtlich
mit dem Bauch nach oben triebe.
Mit der Zeit konnte ich beobachten,
wie auch Michaels Korpus das stetig fließende Wasser aufsog und zusehends
anschwoll. Bald waren unsere beiden Erscheinungen zu massig für die kleine
Dusche geworden.
Irgendwann hatte Michael
dann kein Wasser mehr abbekommen, da ich ihn versehentlich über die Zeit hinweg
langsam, doch unaufhörlich aus der Reichweite des Wasserstrahls gedrängt hatte.
Unsere Körper füllten die Dusche nun komplett aus, sodass eine Verbesserung von
Michaels Lage unmöglich geworden war. Wir konnten uns nicht bewegen, ja,
steckten in der Dusche fest.
Ohne wärmendes Wasser auf
der Haut hatte Michael angefangen zu frieren. Er war schlecht gelaunt und provozierte
bald einen Streit. In diesem bezichtigte er mich, ihm mutwillig aus lauter Gier
und Missgunst das Wasser vorzuenthalten. Ich wies diesen Vorwurf von mir, doch
Michael hatte sich bereits in Rage geredet und nun angefangen wild zu
strampeln.
Durch die Erschütterungen,
die Michael auslöste, brach das Glas vor der Dusche. Begleitet von tausenden in
der Feuchtigkeit wie Diamanten glitzernde Glassplitter fiel ich auf den
Fußboden des Badezimmers, wo ich auf meinem Gesicht liegen blieb.
Abseits der Dusche begann
ich schnell zu frieren. Die Tapete hatte sich durch die langwierige
Feuchtigkeit von den Wänden abgelöst und lag nun zu meinem bewegungsunfähigen
Körper. Hilflos konnte ich fühlen, wie meine Nase unter meinem Gewicht brach.
Da war sie also wieder, die
Realität, der ich einst so erfolglos versucht hatte zu entfliehen; kalt und
häßlich war sie, aus unzähligen kleinen Wunden blutend.
Mittwoch, 8. August 2012
Sonntag, 5. August 2012
Duschgeschichte, der erste Teil
Schon mit dem Betreten der
Dusche war etwas von mir abgefallen. Die Müdigkeit? Nein, die war noch da. Aber
mit den ersten warmen Wasserstrahlen hatte ich sie abgewaschen, all die
aufkommenden Ansprüche an den Tag.
Und der aufsteigende
Wasserdampf, der bald in jede Ecke des Badezimmers gezogen war, hatte keinen
Platz gelassen für all die Sorgen.
Wie ein Känguruhjunges auf
dem Weg zum mütterlichen Beutel hatte ich es vermocht blind doch instinktiv die
Dusche zu finden.
Hier war mir ein Refugium
angeboten worden und ich hatte es dankend angenommen. Hier stand ich nun
zurückgezogen, fernab der Welt da draußen.
Dann wagte ich meine Augen
zu öffnen. Ganz vorsichtig und zum zweiten Mal an diesem Tage – und im
Gegensatz zum ersten Mal, dem reißenden Aufwachen, ging es nun ganz leicht. Kein
Kleben hatte es gegeben und auch keine verquollenen dunklen Stellen hatte ich
erfühlt, als ich nach meinen Augen tastete.
Und dann fiel auch die
Müdigkeit von mir ab, schlagartig. Ersetzt durch Bewusstsein und mit diesem
keimten Erinnerungen an ständige Verpflichtungen und den Alltag, trivial und
unerfüllt, auf.
Ein kalter Schauer packte
mich und so drehte ich schnell am Thermostat. Sofort fühlte ich, wie sich das
Wasser weiter erwärmte. Die Augen geschlossen vermochte ich nun wieder, die
Welt um mich herum noch ein bisschen weiter auszublenden – zurück blieben nur die
Dusche und ich, ich und das warme Wasser auf meinem Körper und der so angenehm die
Realität verklärende Dampf vor den Augen.
So stand ich nun da – und
hätte wahrscheinlich ewig so weitermachen können, wenn sich nicht dieses sekkante
Gefühl erneut in mir gemeldet hätte.
Pflichten waren zu
erledigen, ja. Ich musste die Dusche nun wirklich verlassen. Mich abtrocknen.
Rasieren hatte ich mich noch wollen und was hatte ich eigentlich geplant
anzuziehen? Mein einziges Hemd war in
der Wäsche – jetzt waren sie alle wieder da die Erinnerungen:
Um halb 10 ein
Bewerbungsgespräch für ein Praktikum. Das Hemd also in der Wäsche und ein
Brandfleck auf dem Revers meines Sakkos. So gesehen nichts anzuziehen. Der
Hund, noch nicht gefüttert, noch nicht draußen gewesen. Der Geburtstag meiner
Mutter. Aber ein Geschenk hatte ich doch besorgt? Nein, auf dem Nachhauseweg hatte
ich bei der Tankstelle nichts gefunden und die Option der Blumen - in meinem
Fall keine Option mehr. Für mittags hatte sie mich bereits zum Essen geladen. Die
Küche hatte ich schon vor Tagen sauber machen wollen. In der Spüle stapelten
sich dreckige Teller, denn der Geschirrspüler war kaputt. Das Geld, das ich bei
Starbucks verdiente, reichte nur zum Nötigsten. Nicht davon anzufangen, dass
mich diese Tätigkeit nicht voll ausfüllte. Also hatte ich mir einen Hund
angeschafft – der mich nun überforderte. Durch das Wasser in meinen Ohren
konnte ich sein Bellen vernehmen: Laut fordernd.
In dieser Situation – nebst
Wasser prasselten immer neue Mahnungen an bald versäumte Verpflichtungen aus
dem Alltag auf mich ein – entschloss ich mich wohl selbst defensiv, vielleicht
mit einer Ahnung auf Schlimmeres präventiv, für das einzig Richtige: Ich trat
einen Schritt zurück, tiefer hinein in den Wasserstrahl – in mein Refugium –
und drehte am Thermostat. Das Wasser wurde wärmer.
Mit geschlossenen Augen scheint die Welt manchmal
erträglicher und mit einem Strahl warmen Wassers, der einem die Sorgen aus dem
Kopf massiert, ist sie dann fast schön. Sie ist so lange schön, bis irgendetwas
dazwischen kommt – mein Bauch meldete sich, denn ich hatte Hunger.
Montag, 30. Juli 2012
Sonntag, 15. Juli 2012
Fenster nach Tokyo
1991. Ein Lichtstrahl, der durch das geschlossene Fenster ins Zimmer fällt, vergoldet das Sofa, auf dem ich die vergangen Stunden schlafend verbracht hatte. An der dahinterliegenden Wand zeichnet sich der Schatten einer Lampe ab. Das Bett, mein Bett für diese Nacht, steht noch unangetastet im Raum.
Wie spät ist es?
Auf Reisen erscheint mir die Welt verschiedenartig, um nicht zu sagen fremd. Das Tageslicht hier in Tokyo anders als daheim. Der Schatten der Zimmerbeleuchtung vertraut, doch wie beziehungslos scheint sie mir des nachts? Da sollen sie ja die Stadt mit Neon überfluten, habe ich gehört.
Ich verlasse das Hotelzimmer besser, um mich draußen nach etwas Essbarem umzuschauen.
Wie spät ist es?
Auf Reisen erscheint mir die Welt verschiedenartig, um nicht zu sagen fremd. Das Tageslicht hier in Tokyo anders als daheim. Der Schatten der Zimmerbeleuchtung vertraut, doch wie beziehungslos scheint sie mir des nachts? Da sollen sie ja die Stadt mit Neon überfluten, habe ich gehört.
Ich verlasse das Hotelzimmer besser, um mich draußen nach etwas Essbarem umzuschauen.
(Die dargestellten Photos entstammen der Weltreise meines Vaters 1991.)
Donnerstag, 12. Juli 2012
Dienstag, 10. Juli 2012
Montag, 9. Juli 2012
Dienstag, 3. Juli 2012
Donnerstag, 28. Juni 2012
Der 22. Juni, EM Spiel: Deutschland - Griechenland
Ja, wenn man einem der online im Vorfeld des EM
– Spiels Deutschland – Griechenland veröffentlichten Plakaten Glauben schenken
mag, dann ist der 22. Juni deklariert als „Zahltag“.
Zahlen soll Griechenland, der Schuldner Europas
und in diesem Fall bestes Beispiel dafür, dass Sport verbindet: Menschen
verschiedener Herkunft, Können und Glück und eben auch Fußball mit Wirtschaftspolitik,
denn in und um die Stadien dieser Welt findet alles seinen Platz; nur eben
nicht der Rassismus.
Wirtschaftlich
das gesamte Griechenland ein Schuldner und eben darum nun also auch sportlich gegen
Deutschland in der Bringschuld wie Jerome Boateng nach Gina-Lisa.
Griechenland,
vom sympathisch-schüchternen Mehmet Scholl zum „Viertelfinalgegner mit einer
Schleife darum“ erklärt – ein geschenkter Sieg.
Also was
sprach generell noch gegen einen Triumph der deutschen Mannschaft an diesem
Abend? Jerome Boateng hatte seine Sache letztendlich gegen Ronaldo ja auch ganz
gut gemacht.
Deshalb: Die Stimmung
nicht nur in Fußballhamburg sonnig auf meinem Weg zum Fan-Fest auf
dem Heiligengeistfeld. Nur am Himmel sind dunkle Wolken aufgezogen. Tatsächlich
lässt der Regen, angekommen beim Public Viewing, nicht lange auf sich warten. Ich
habe keinen Schirm, also ziehe ich mich ins „Michelangelo“, ein nahegelegenes
italienisches Restaurant, zurück.
Da sich auch
der Eigentümer Angelo sicher ist: Deutschland zieht
ungeschlagen ins Halbfinale ein, kann das Spiel nun also beginnen, entspannt
mit einer Pizza Napoli im Trockenen und Platzregen draußen vor dem Fenster.
Als
Deutschland gegen Griechenland zur Halbzeit führt, hat der Regen nachgelassen
und ich habe den Entschluss gefasst, dem hamburger Fan-Fest doch noch einen
Besuch abzustatten.
Als ich jedoch
meine Pizza bezahlen will, stelle ich fest, dass ich kein Geld mehr habe.
Irgendwie müssen das „Michelangelo“ und ich nun „verbleiben“. Ich gebe mein
Iphone in Pfand und verspreche später noch einmal mit Geld vorbeizukommen.
Auf dem
heiligen Geistfeld trägt man an diesem Abend mehrheitlich Übergewicht und
Deutschlandtrikot.
Die vom Regen
verschmierte schwarz-rot-goldene Gesichtsbemalung vieler Deutschlandfans
gleicht nun vielmehr verheulter Mascara, doch um mich herum: Allgemeine
Heiterkeit.
Man hat schon
getrunken, dänisches Carlsberg, doch der Durst lässt sich nicht vertreiben.
Genauso wie die gute Laune.
„Deutschland?“,
fragt es aus den Lautsprechen, das „an“ ganz langgezogen. „Eins!“, antwortet
die Menge einstimmig. „Griechenland?“, fragt es erneut. „Null!“, die Menge.
Alles läuft
nach Plan.
Als nach 55
Minuten dann plötzlich der Ausgleich steht, will man das Ergebnis nicht so
recht wahrhaben. Ich schaue mich um und blicke in deutsche Fangesichter, mehr
grinsend als ungläubig. An einen Sieg der Griechen glaubt hier niemand.
Und
tatsächlich geht Deutschland in der 61 Minute erneut in Führung. Der Torschütze
Samy Khedira bestätigt, was der Mann neben mir schon immer wusste: Er ist ein
guter Typ.
Es ist die 67
Minute. Andre Schürrle wird ausgewechselt. „Ja, weg mit
ihm!“, kommentiert der Mann neben mir und schaut mich Achtung heischend an. Ich
nicke ihm zu und nehme seinen Kommentar zum Anlass, ihn genauer zu betrachten:
Eckige Matthias Opdenhövel-Brille, Nivea-Deutschlandtrikot „Jogis
12. Mann“, Cargo Hosen, eine recht normale Frisur. Ich muss zugeben: Äußerlich
nicht die Person, der ich pauschale Fußball-Weisheiten zutraue, dafür fehlt
ihm der Schnauzer – oder zumindest das Übergewicht. Mehr so der Student.
Und, wer ist
denn eigentlich dieser Andre Schürrle, der sich soeben auf der Ersatzbank
niedergelassen hat? Ja, mein Fußballwissen war 2006 auch mal größer.
Mein Blick
fällt auf eine Gruppe deutschlandfarbener Mädchen, die ein paar Schritte
entfernt von mir lärmen. Ach so, es steht drei zu eins für Deutschland.
Es ist diese
Art größtenteils femininer Fußball – Party – Patriotismus verbunden mit meinen
fehlenden Wissen über die deutsche Mannschaft, die mich inmitten der
allgemeinen Freude nachdenklich werden lässt. Deutschlandfan, alle zwei Jahre
mal – werde ich jetzt auch so? Ich springe besser ein wenig auf und ab.
Man spritzt
mit Bier. Auch, wenn das Spiel noch nicht beendet ist, nun steht fest:
Deutschland wird gewinnen.
Das folgende 4:1
geht im Jubel unter. In meiner Nähe zündet sich eine Gruppe Männer eine Zigarre
an. Siegeszigarre.
Close up: Das
Gesicht eines griechischen Fans füllt die gesamte Leinwand des Public Viewings
aus. Blutunterlaufene Augen, die untere Hälfte des blau-weiß geschminkten
Gesichts in der Hand vergraben.
Hätte man im
Wettbüro an diesem Tag 10 Euro auf Griechenland gesetzt, so hätte man 180 Euro
gewonnen. Ich habe nicht gewettet, denn es gab niemanden, der im Vorfeld der
deutschen Mannschaft ernsthaft eine Niederlage zugetraut hätte – jedenfalls
nicht hier.
Doch das
kummervolle Gesicht des griechischen Fans zeigt mir inmitten dieser
schwarz-rot-goldenen Deutschlandparty, dass es auch Menschen gibt, die auf
einen Sieg der Hellenen gehofft hatten.
Ich will das
Heiligengeistfeld verlassen. Kurz bevor ich den Ausgang erreicht habe, fällt
das 4:2. Euphorisch winkt man den gegnerischen Treffer ab. Ja, jetzt gönnt man
den Griechen alles – nur eben keinen Sieg.
In der Ferne
wird ein Feuerwerk gezündet.
Für den
Begriff „Zahltag“ ist nach diesem Spiel wahrlich kein Platz mehr vorhanden, das
Ergebnis zu eindeutig. Man will ja auch kein Salz in die Wunde streuen. Mit
vier Gegentreffern im Viertefinale ausgeschieden. Für Griechenland bleibt nur
die Fahrt nach hause und abseits des Fußballplatzes eine ernste von der
Schuldenkrise geprägte Realität.
Alles, was nun
für mich bleibt, ist dieser Abend im Juni, nass und schwül ist er, geschwängert
von Fangesängen und nochmal ins „Michelangelo“ – Schulden begleichen.
Dienstag, 19. Juni 2012
Schatten und schemenhaft
Vor mir liegt ein Tag trüb,
wie aus Milchglas. Verschwommen, nicht, weil sein Ausgang mir ungewiss ist. Ich
kann vielmehr die Welt um mich herum nicht erkennen, weil meine Augen ihr nicht
gewachsen sind.
Auf dem Boden liegt meine Brille, die Gläser zerbrochen.
Montag, 18. Juni 2012
Diktatoren, der dritte Teil
Mein
Vater kann so nett sein, habe ich gemerkt, doch ist er immer nur nett, wenn er
nicht zu hause ist. Zu hause ist er gemein zu uns, zu meiner Mutter und mir und
zu unserem Hund.
Da
streiten sich meine Eltern immer und dann nimmt mein Vater meiner Mutter immer
Sachen weg, die sie zum Leben braucht, wie die Fernbedienung oder die
Autoschlüssel. Zu hause unterdrückt mein Vater uns, genauso wie Hitler, der den
Juden auch lebenswichtige Sachen weggenommen hat und ihnen viel verboten hat.
Aber das sage ich meinem Vater nicht, denn er würde sehr wütend werden und ganz
fürchterlich mit mir schimpfen und ich müsste mich an die Wand stellen, für
eine halbe Stunde oder auch für länger.
Hitler
beschäftigt mich. Seit der einen Nacht, in der mein Vater mir von Hitler
erzählt hat, muss ich immer an ihn denken. Und mir fällt auf, dass heute viele
Leute Hitler ähnlich sind. Viele Menschen tun böse Dinge, die Hitler auch
gemacht hat. Und wenn ich jetzt Bilder male, dann sehen alle Leute, die ich
nicht mag, aus wie Hitler. Und Hitler hatte auch ein Symbol. Es heißt
Hakenkreuz. Und als ich es mit einem Stein in den Lack vom Auto meines Vaters
gekratzt hab, wurde er wieder fürchterlich wütend und hat geschrieen.
Wenn
mein Vater so zu meiner Mutter ist, dann macht mich das traurig und auch
wütend. Dann bekomme ich in der Nacht Alpträume und am nächsten Tag in der
Schule bin ich dann schlecht gelaunt und frech zu Fräulein Krieger.
Wie
an dem Tag, als meine Klasse einen Ausflug gemacht hat und ich so wütend auf den
bösen Michi wurde, weil er mich die ganze Zeit ärgerte und mich einen Juden
nannte, dass ich ihn, als er Charlotte einen seiner gelb – goldenen Sterne ins
Auge drückte, auf die Straße geschubst hab und er überfahren wurde.
Jetzt
ist der böse Michi tot. Und Fräulein Krieger, die ist auch tot, denn die ist
nach dem Michi auf die Straße gelaufen, um nach ihm zu sehen und wurde auch
überfahren.
Und
mein Vater, der ist weg. Der ist nämlich jetzt im Gefängnis, weil er nicht auf
mich aufgepasst hat und weil er meine Mutter bedroht hat.
Aber
dass meine Mutter nun glücklicher ist, jetzt wo mein Vater weg ist, nein, das
denke ich nicht, denn sie macht immer ein trauriges Gesicht. Ich bin auch ein
bisschen traurig. Vielleicht mochte sie meinen Vater ja doch ganz gerne.
Meine
neue Schule ist eine besondere Schule. Ich wohne hier auch. Alle sind nett zu
mir und kümmern sich viel um mich. Trotzdem wird mein Zimmer zur Nacht
abgeschlossen und ich kann nicht noch einmal aufstehen und zur Toilette gehen.
Rausgucken
kann man auch nicht so gut, denn vor den Fenstern sind Gitter.
Sonntag, 17. Juni 2012
Exkursionen: Photografie
Photoshop kann jeder.
Dieses Bild ist unbearbeitet.
Keine Hipster - Analogphotografie. Keine Masken.
Hilfsmittel: Taschenlampe.
Dieses Bild ist unbearbeitet.
Keine Hipster - Analogphotografie. Keine Masken.
Hilfsmittel: Taschenlampe.
Donnerstag, 14. Juni 2012
Diktatoren, der zweite Teil
Und
nach dem Erwachsenengespräch haben wieder alle ganz fürchterlich geschimpft mit
mir und jetzt darf ich den bösen Michi nicht mehr angucken.
Und
das ist ganz fürchterlich ungerecht, denn der böse Michi guckt mich immer an.
Der böse Michi wirft auch mit Sachen nach mir, wenn Fräulein Krieger nicht
guckt. Einmal hat er im Unterricht den Klassenleguan nach mir geworfen. Und ein
anderes Mal da hat der böse Michi das Klassenprojekt Hühnerei nach mir geworfen
und das ist dann kaputt gegangen und mein ganzes Haar war voller Hühnerei und
ich habe angefangen zu weinen und alle haben gelacht und ich habe stärker
geweint und alle haben stärker gelacht und Fräulein Krieger, die auch gelacht
hat, hat mir dann einen gelb – goldenen Stern weggenommen, für mein schlechtes
Betragen.
Und
wenn ich aufs Klo gehe, dann ist der böse Michi schon da und zwingt mich Seife
zu essen. Und wenn ich in die Klasse gehe, dann wirft der böse Michi mit Sachen
nach mir. Und wenn ich raus auf den Schulhof gehe, dann ist der böse Michi auch
schon da und zwingt mich Sand zu Essen. Und wenn ich dann wieder nach drinnen
gehe, dann folgt mir der böse Michi und wirft mit Sand nach mir. Und wenn dann
die Schule aus ist und es nicht Montags oder Mittwochs ist, dann war der böse
Michi schon da und hat die Luft aus meinen Fahrradreifen gelassen.
Und
Fräulein Krieger, die ja eigentlich gelb – goldene Sterne verteilt und zu vielen
Kindern unfreundlich ist, außer zu Erwachsenen und dem bösen Michi, nimmt mir
meine gelb – goldenen Sterne weg.
So
ist es jeden Tag.
Einmal
hat mein Vater mit mir vor dem ins Bett gehen über Hitler gesprochen, weil er
meinte, ich müsse mich mit unserer deutschen Geschichte auseinander setzen. Und
er hat mir auch erklärt, dass Hitler ein sehr böser Mensch war, der auch gelb –
goldene Sterne an die Juden verteilte.
Ich
konnte diese Nacht nicht schlafen, weil ich die ganze Zeit über Hitler
nachdenken musste. Ich mag diesen Hitler nicht, weil er böse Sachen gemacht hat
und gemein zu den Juden war. Das erinnert mich an Fräulein Krieger, die auch
gelb – goldene Sterne verteilt und den bösen Michi. Beide sind auch jeden Tag
ganz schrecklich gemein zu mir.
Und
als Fräulein Krieger am nächsten Tag in der Schule gemein zu mir war, da hab
ich sie einfach „Hitler“ genannt. Und dann haben alle, also der Direktor, meine
Eltern und Fräulein Krieger mit mir geschimpft, so doll wie, als mich der böse
Michi gezwungen hatte, die Sterne auf seiner Unterhose zu zählen.
Und
dann hatten alle ein Erwachsenengespräch, also nicht die Art wie mein Vater und
Fräulein Krieger immer haben. Nein, die andere Art. Und dann haben sie gesagt,
dass es vielleicht besser wäre, wenn ich auf eine andere Schule ginge. Und das
freute mich, denn dann wäre ich ja weg von Fräulein Krieger und dem bösen Michi
und die beiden könnten mich nicht mehr ärgern.
Montag, 11. Juni 2012
Samstag, 9. Juni 2012
Diktatoren, der erste Teil
Meine
Klassenlehrerin, das war in der zweiten Klasse das Fräulein Krieger. Das
Fräulein Krieger sieht ganz toll aus, mit ihren hochgesteckten Haaren und ihrer
halbmondförmigen Brille, so sagt mein Vater. Zudem redet mein Vater auch über
die langen Beine des Fräulein Krieger und über ihr Dekollete, aber ich weiß
nicht was das ist, ein Dekollete, und darum interessiert es mich auch nicht.
Ich bin ja schließlich erst sieben und mit sieben da hat man noch ganz andere
Sachen im Sinn, so sagt mein Vater.
Montags und Mittwochs ist mein Vater schon früher mit der Arbeit fertig und kommt dann in die Schule, um mich abzuholen. Und wenn es dann klingelt, dann steht er immer schon vor dem Klassenraum und wartet auf mich.
Aber meistens muss ich immer warten, denn mein Vater führt wichtige Gespräche mit Fräulein Krieger. Und dann setzt sich Fräulein Krieger auf das Pult und steckt sich einen Bleistift in den Mund und kaut darauf herum, obwohl ich das immer nie darf und dann schaut sie meinen Vater über ihre halbmondförmige Brille hinweg an. Und dann fangen beide an sich zu unterhalten, Erwachsenengespräche, so sagt mein Vater. Und Fräulein Krieger kichert dann immer die ganze Zeit und mein Vater guckt ihr überall hin, nur nicht ins Gesicht. So erwachsen sehen die beiden gar nicht aus, wenn sie reden, sie erinnern mich eher ein bisschen an die Mädchen aus meiner Klasse, aber das sage ich ihnen nicht, denn das ist frech und Fräulein Krieger würde ganz fürchterlich anfangen zu schimpfen und am Ende da würde ich weinen, weil mir alles so Leid tut.
Und dann würden alle lachen und ich würde noch stärker weinen und alle würden noch stärker lachen und Fräulein Krieger würde mir dann einen gelb – goldenen Stern wegnehmen, für mein schlechtes Betragen, würde sie sagen.
Ach ja, in der Schule verteilt Fräulein Krieger gelb – goldene Sterne. Die kriegt man, wenn man seine Hausaufgaben gut macht, oder ihr ein schönes Bild malt oder nett zu anderen ist oder wenn man einfach gar nichts macht wie der böse Michi. Aber das der Michi böse ist, dass weiß Fräulein Krieger nicht, denn er ist nur böse wenn Fräulein Krieger nicht hinschaut und wenn sie hinschaut, dann ist der Michi eben nicht böse, dann ist er lieb. Und deshalb bekommt der böse Michi von Fräulein Krieger auch so viele Sterne. 17 goldene Sterne hat der böse Michi schon und die kann man sich auch anstecken und dann läuft der böse Michi immer durch die Schule und zeigt jedem wie viele Sterne er hat und dann zwingt er alle die Sterne laut zu zählen.
Und einmal da hat der böse Michi mir in der Pause aufgelauert und mich gezwungen, seine Sterne zu zählen, täte ich es nicht, würde er mich für jeden Stern ins Gesicht hauen, hat er gedroht und dann hab ich seine Sterne gezählt aber drei Sterne hat der böse Michi an seine Unterhose geheftet und als Fräulein Krieger kam, da stand der Michi dann vor mir nur in Unterhose und ich war gerade fertig mit zählen geworden. Und als der böse Michi Fräulein Krieger gesehen hat, da hat er angefangen zu jammern und gemeint ich hätte ihn gezwungen sich auszuziehen, täte er es nicht, würde ich ihn für jeden seiner Sterne ins Gesicht hauen, hat er gesagt.
Und da hat auch Fräulein Krieger angefangen zu weinen und sich ihre halbmondförmige Brille abgesetzt, um sich mit ihrer Hand über die Augen zu fahren und sich den Mund zuzuhalten. Dann hat sie angefangen ganz fürchterlich zu schimpfen und anzukündigen, sie werde mir meine ganzen gelb – goldenen Sterne wegnehmen und sie dem Michi geben, weil er so tapfer sei und sich nicht von mir unterkriegen lasse. Aber ich hatte ja gar keine Sterne, die ich dem bösen Michi hätte geben können.
Dann hat sie mich mit zum Direktor genommen und meine Eltern und Michis Eltern haben geredet, Erwachsenengespräche, so sagt mein Vater. Aber nicht die Art wie sich Fräulein Krieger und mein Vater unterhalten. Nein, es gibt noch eine zweite Art.
Montags und Mittwochs ist mein Vater schon früher mit der Arbeit fertig und kommt dann in die Schule, um mich abzuholen. Und wenn es dann klingelt, dann steht er immer schon vor dem Klassenraum und wartet auf mich.
Aber meistens muss ich immer warten, denn mein Vater führt wichtige Gespräche mit Fräulein Krieger. Und dann setzt sich Fräulein Krieger auf das Pult und steckt sich einen Bleistift in den Mund und kaut darauf herum, obwohl ich das immer nie darf und dann schaut sie meinen Vater über ihre halbmondförmige Brille hinweg an. Und dann fangen beide an sich zu unterhalten, Erwachsenengespräche, so sagt mein Vater. Und Fräulein Krieger kichert dann immer die ganze Zeit und mein Vater guckt ihr überall hin, nur nicht ins Gesicht. So erwachsen sehen die beiden gar nicht aus, wenn sie reden, sie erinnern mich eher ein bisschen an die Mädchen aus meiner Klasse, aber das sage ich ihnen nicht, denn das ist frech und Fräulein Krieger würde ganz fürchterlich anfangen zu schimpfen und am Ende da würde ich weinen, weil mir alles so Leid tut.
Und dann würden alle lachen und ich würde noch stärker weinen und alle würden noch stärker lachen und Fräulein Krieger würde mir dann einen gelb – goldenen Stern wegnehmen, für mein schlechtes Betragen, würde sie sagen.
Ach ja, in der Schule verteilt Fräulein Krieger gelb – goldene Sterne. Die kriegt man, wenn man seine Hausaufgaben gut macht, oder ihr ein schönes Bild malt oder nett zu anderen ist oder wenn man einfach gar nichts macht wie der böse Michi. Aber das der Michi böse ist, dass weiß Fräulein Krieger nicht, denn er ist nur böse wenn Fräulein Krieger nicht hinschaut und wenn sie hinschaut, dann ist der Michi eben nicht böse, dann ist er lieb. Und deshalb bekommt der böse Michi von Fräulein Krieger auch so viele Sterne. 17 goldene Sterne hat der böse Michi schon und die kann man sich auch anstecken und dann läuft der böse Michi immer durch die Schule und zeigt jedem wie viele Sterne er hat und dann zwingt er alle die Sterne laut zu zählen.
Und einmal da hat der böse Michi mir in der Pause aufgelauert und mich gezwungen, seine Sterne zu zählen, täte ich es nicht, würde er mich für jeden Stern ins Gesicht hauen, hat er gedroht und dann hab ich seine Sterne gezählt aber drei Sterne hat der böse Michi an seine Unterhose geheftet und als Fräulein Krieger kam, da stand der Michi dann vor mir nur in Unterhose und ich war gerade fertig mit zählen geworden. Und als der böse Michi Fräulein Krieger gesehen hat, da hat er angefangen zu jammern und gemeint ich hätte ihn gezwungen sich auszuziehen, täte er es nicht, würde ich ihn für jeden seiner Sterne ins Gesicht hauen, hat er gesagt.
Und da hat auch Fräulein Krieger angefangen zu weinen und sich ihre halbmondförmige Brille abgesetzt, um sich mit ihrer Hand über die Augen zu fahren und sich den Mund zuzuhalten. Dann hat sie angefangen ganz fürchterlich zu schimpfen und anzukündigen, sie werde mir meine ganzen gelb – goldenen Sterne wegnehmen und sie dem Michi geben, weil er so tapfer sei und sich nicht von mir unterkriegen lasse. Aber ich hatte ja gar keine Sterne, die ich dem bösen Michi hätte geben können.
Dann hat sie mich mit zum Direktor genommen und meine Eltern und Michis Eltern haben geredet, Erwachsenengespräche, so sagt mein Vater. Aber nicht die Art wie sich Fräulein Krieger und mein Vater unterhalten. Nein, es gibt noch eine zweite Art.
Freitag, 1. Juni 2012
Letzte Nacht - Film
Ein Film über Wünsche und die Zukunft, Wodka und die Nacht, über Gedanken und Schwerfälligkeit, Schönheit und Augenblicke - ein Film über Filme.
Donnerstag, 31. Mai 2012
Dienstag, 29. Mai 2012
Was bisher geschah
Als die Dunkelheit einsetzt,
verlässt Edun sein Versteck, das hohe Binsengras, in dessen Schutz er es die
vergangenen Stunden vermocht hatte, sich vor Yuri und den anderen verborgen zu
halten.
Die Nacht soll ihm nun heraushelfen aus diesem Park und mit ein
bisschen Glück bis an den Strand von St. Petersburg, wo er Sorokin und die „Mach
13“, dessen altes, fleischfressendes Atom-U-Boot erwartet.
Die Lichter der Stadt helfen
Edun, die Distanz zu den dunklen Mauern des Parks zu bewahren, hinter denen er
Yuri und die anderen fürchtet.
Dass Yuri die
schneebedeckten Pfade der Parklandschaft nicht wie die anderen nach Einbruch
der Dunkelheit verlassen hat und immer noch auf der Suche ist nach Edun und
dessen Briefen an Wacholda, ahnt dieser nicht.
Als Kaminer und Grubach in
der Orangerie aufeinandertreffen kommt es zu einem Duell. Der Beamtenaspirant
Kaminer wird schwer verwundet, obgleich es ihm gelingt, seinen Opponenten, den
Geheimagenten Grubach, zu töten.
Mit letzter Kraft schleppt sich
Kaminer nach draußen, wo er nicht weit der Orangerie dem frustrierten Yuri
begegnet. Seit Stunden schon lauert dieser auf Edun, verborgen in den Schatten
der elektrischen Parkbeleuchtung.
Mit von Blut und Schmerz
getrübtem Blick hält Kaminer Yuri für den flüchtigen Edun und kommt auf dessen
Plan von der Flucht über St. Petersburg zu sprechen. Yuri, der in dem
verwirrten Beamtenaspiranten eine hilfreiche Chance für sich zu erkennen vermutet,
lässt Kaminer in dem Glauben, er unterhalte sich tatsächlich mit Edun.
Als Yuri merkt, dass auch die
Konzentrationsfähigkeit des tödlich Verwundeten schwindet und er schon bald nicht
mehr in der Lage sein wird, Informationen preiszugeben, macht er sich an die
Verfolgung des flüchtigen Edun. Den sterbenden Beamtenaspiranten Kaminer lässt
er zurück.
Einsam auf einer Parkbank
zusammengesunken, im Schein einer Laterne erliegt Kaminer endlich seinen
Verletzungen.
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