Schon mit dem Betreten der
Dusche war etwas von mir abgefallen. Die Müdigkeit? Nein, die war noch da. Aber
mit den ersten warmen Wasserstrahlen hatte ich sie abgewaschen, all die
aufkommenden Ansprüche an den Tag.
Und der aufsteigende
Wasserdampf, der bald in jede Ecke des Badezimmers gezogen war, hatte keinen
Platz gelassen für all die Sorgen.
Wie ein Känguruhjunges auf
dem Weg zum mütterlichen Beutel hatte ich es vermocht blind doch instinktiv die
Dusche zu finden.
Hier war mir ein Refugium
angeboten worden und ich hatte es dankend angenommen. Hier stand ich nun
zurückgezogen, fernab der Welt da draußen.
Dann wagte ich meine Augen
zu öffnen. Ganz vorsichtig und zum zweiten Mal an diesem Tage – und im
Gegensatz zum ersten Mal, dem reißenden Aufwachen, ging es nun ganz leicht. Kein
Kleben hatte es gegeben und auch keine verquollenen dunklen Stellen hatte ich
erfühlt, als ich nach meinen Augen tastete.
Und dann fiel auch die
Müdigkeit von mir ab, schlagartig. Ersetzt durch Bewusstsein und mit diesem
keimten Erinnerungen an ständige Verpflichtungen und den Alltag, trivial und
unerfüllt, auf.
Ein kalter Schauer packte
mich und so drehte ich schnell am Thermostat. Sofort fühlte ich, wie sich das
Wasser weiter erwärmte. Die Augen geschlossen vermochte ich nun wieder, die
Welt um mich herum noch ein bisschen weiter auszublenden – zurück blieben nur die
Dusche und ich, ich und das warme Wasser auf meinem Körper und der so angenehm die
Realität verklärende Dampf vor den Augen.
So stand ich nun da – und
hätte wahrscheinlich ewig so weitermachen können, wenn sich nicht dieses sekkante
Gefühl erneut in mir gemeldet hätte.
Pflichten waren zu
erledigen, ja. Ich musste die Dusche nun wirklich verlassen. Mich abtrocknen.
Rasieren hatte ich mich noch wollen und was hatte ich eigentlich geplant
anzuziehen? Mein einziges Hemd war in
der Wäsche – jetzt waren sie alle wieder da die Erinnerungen:
Um halb 10 ein
Bewerbungsgespräch für ein Praktikum. Das Hemd also in der Wäsche und ein
Brandfleck auf dem Revers meines Sakkos. So gesehen nichts anzuziehen. Der
Hund, noch nicht gefüttert, noch nicht draußen gewesen. Der Geburtstag meiner
Mutter. Aber ein Geschenk hatte ich doch besorgt? Nein, auf dem Nachhauseweg hatte
ich bei der Tankstelle nichts gefunden und die Option der Blumen - in meinem
Fall keine Option mehr. Für mittags hatte sie mich bereits zum Essen geladen. Die
Küche hatte ich schon vor Tagen sauber machen wollen. In der Spüle stapelten
sich dreckige Teller, denn der Geschirrspüler war kaputt. Das Geld, das ich bei
Starbucks verdiente, reichte nur zum Nötigsten. Nicht davon anzufangen, dass
mich diese Tätigkeit nicht voll ausfüllte. Also hatte ich mir einen Hund
angeschafft – der mich nun überforderte. Durch das Wasser in meinen Ohren
konnte ich sein Bellen vernehmen: Laut fordernd.
In dieser Situation – nebst
Wasser prasselten immer neue Mahnungen an bald versäumte Verpflichtungen aus
dem Alltag auf mich ein – entschloss ich mich wohl selbst defensiv, vielleicht
mit einer Ahnung auf Schlimmeres präventiv, für das einzig Richtige: Ich trat
einen Schritt zurück, tiefer hinein in den Wasserstrahl – in mein Refugium –
und drehte am Thermostat. Das Wasser wurde wärmer.
Mit geschlossenen Augen scheint die Welt manchmal
erträglicher und mit einem Strahl warmen Wassers, der einem die Sorgen aus dem
Kopf massiert, ist sie dann fast schön. Sie ist so lange schön, bis irgendetwas
dazwischen kommt – mein Bauch meldete sich, denn ich hatte Hunger.
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