Montag, 13. August 2012

Duschgeschichte, der zweite Teil


In einem Zahnputzbecher, vielleicht eineinhalb Meter von der Dusche entfernt, steckte ein Schokoriegel – eine Notration gegen zu Weilen aufkommende Hungergefühle. Ich konnte ihn nicht erreichen, denn dafür hätte ich die Dusche verlassen müssen und wäre der Welt so schutzlos ausgeliefert.
Also suchte ich weiter und endlich fiel mein Blick auf ein griffbereites Cola-Shampoo, das ich mir einmal aus lauter Nostalgie gekauft hatte. Durch die schäumende- hatte es sehr sättigende Wirkung, als ich es mit ein bisschen Wasser vermischte und trank.
Schließlich war ich gesättigt und zum ersten Mal seit Wochen sorgenfrei und zufrieden – glaube ich.
Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren, da die Uhr im Badezimmer vom Wasserdampf beschlagen war. Doch irgendwann – meine Beine waren vom vielen Stehen müde geworden – verstellte ich den Duschkopf und setzte mich auf den Boden der Dusche, um ein bisschen zu schlafen.
Die lange Zeit unter dem Wasserstrahl brachte wieder eine gewisse Routine in mein Leben. Ich hatte feste Zeiten, in denen ich auf dem Boden der Dusche schlief. Dann stand ich wieder aufrecht und ließ mich vom Strahl des Wassers betäuben. Die Hand stets in der Nähe des Thermostats, bereit die Wassertemperatur zu regulieren.
Diese Tätigkeit verschaffte mir neben Schlaf- oder Betäubungsphasen die nötige Zerstreuung; eine fortlaufend kleine Abwechslung in meinen Leben unter Dusche.
Das Shampoo war längst aufgegessen, doch ich kannte kein Hungergefühl mehr, da mein Körper Wasser über die Haut aufnahm und ich mich so praktisch satt trank. Schrumpelige Fingerkuppen waren einst der Anfang gewesen, doch nun war ich durch das Wasser so derartig aufgedunsen, dass ich mich zum Schlafen nicht mehr hinsetzen musste. Mein Gewicht wurde nun gleichsam auf die Duschwände verteilt und ich konnte bequem im Stehen schlafen.
Bestimmt waren Monate vergangen, doch irgendwann wurde die Tür des Badezimmers aufgerissen und herein kam – aus dem Mund blutend – Michael, der ein Stockwerk unter mir wohnte. Er war wütend und gekommen, sich zu beschweren. Seit Tagen hatte es nicht aufgehört, durch seine Decke zu tropfen.
Als ihm nach mehrmaligem Klingen keiner die Wohnungstür geöffnet hatte, da hatte er sie einfach eingetreten und war sofort über meinen vertrockneten Hund gestolpert, wobei er sich den Mund aufschlug.
Um ihn zu beruhigen, bot ich ihm an, mir für einen Moment unter der Dusche Gesellschaft zu leisten. Hier könnte ich ihm meine Situation erklären und er könnte sich das Blut vom Mund abwaschen.
Ich bat ihn, den nie in Vergessenheit geratenen Schokoladenriegel aus dem Zahnputzbecher mitzubringen. Mit der Zeit hatte ich vergessen, wie Schokolade schmeckt.
Michael nahm mein Angebot an und folgte mir unter die Dusche. Er hatte den Schokoladenriegel mitgebracht, doch ich musste zuschauen, wie er ihn aß, ohne mit mir zu teilen. Er war noch immer sehr aufgebracht.
Die Zeit verging und Michael blieb unter der Dusche. Hier sei es doch ganz schön, sagte er. Seine Wohnung gleiche nun gewiss schon einem Aquarium, in dem nunmehr seine Katze voraussichtlich mit dem Bauch nach oben triebe.
Mit der Zeit konnte ich beobachten, wie auch Michaels Korpus das stetig fließende Wasser aufsog und zusehends anschwoll. Bald waren unsere beiden Erscheinungen zu massig für die kleine Dusche geworden.
Irgendwann hatte Michael dann kein Wasser mehr abbekommen, da ich ihn versehentlich über die Zeit hinweg langsam, doch unaufhörlich aus der Reichweite des Wasserstrahls gedrängt hatte. Unsere Körper füllten die Dusche nun komplett aus, sodass eine Verbesserung von Michaels Lage unmöglich geworden war. Wir konnten uns nicht bewegen, ja, steckten in der Dusche fest.
Ohne wärmendes Wasser auf der Haut hatte Michael angefangen zu frieren. Er war schlecht gelaunt und provozierte bald einen Streit. In diesem bezichtigte er mich, ihm mutwillig aus lauter Gier und Missgunst das Wasser vorzuenthalten. Ich wies diesen Vorwurf von mir, doch Michael hatte sich bereits in Rage geredet und nun angefangen wild zu strampeln.
Durch die Erschütterungen, die Michael auslöste, brach das Glas vor der Dusche. Begleitet von tausenden in der Feuchtigkeit wie Diamanten glitzernde Glassplitter fiel ich auf den Fußboden des Badezimmers, wo ich auf meinem Gesicht liegen blieb.
Abseits der Dusche begann ich schnell zu frieren. Die Tapete hatte sich durch die langwierige Feuchtigkeit von den Wänden abgelöst und lag nun zu meinem bewegungsunfähigen Körper. Hilflos konnte ich fühlen, wie meine Nase unter meinem Gewicht brach.
Da war sie also wieder, die Realität, der ich einst so erfolglos versucht hatte zu entfliehen; kalt und häßlich war sie, aus unzähligen kleinen Wunden blutend. 

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