In einem Zahnputzbecher,
vielleicht eineinhalb Meter von der Dusche entfernt, steckte ein Schokoriegel –
eine Notration gegen zu Weilen aufkommende Hungergefühle. Ich konnte ihn nicht
erreichen, denn dafür hätte ich die Dusche verlassen müssen und wäre der Welt so
schutzlos ausgeliefert.
Also suchte ich weiter und endlich
fiel mein Blick auf ein griffbereites Cola-Shampoo, das ich mir einmal aus
lauter Nostalgie gekauft hatte. Durch die schäumende- hatte es sehr sättigende
Wirkung, als ich es mit ein bisschen Wasser vermischte und trank.
Schließlich war ich
gesättigt und zum ersten Mal seit Wochen sorgenfrei und zufrieden – glaube ich.
Ich hatte jegliches
Zeitgefühl verloren, da die Uhr im Badezimmer vom Wasserdampf beschlagen war.
Doch irgendwann – meine Beine waren vom vielen Stehen müde geworden –
verstellte ich den Duschkopf und setzte mich auf den Boden der Dusche, um ein
bisschen zu schlafen.
Die lange Zeit unter dem
Wasserstrahl brachte wieder eine gewisse Routine in mein Leben. Ich hatte feste
Zeiten, in denen ich auf dem Boden der Dusche schlief. Dann stand ich wieder aufrecht
und ließ mich vom Strahl des Wassers betäuben. Die Hand stets in der Nähe des
Thermostats, bereit die Wassertemperatur zu regulieren.
Diese Tätigkeit verschaffte
mir neben Schlaf- oder Betäubungsphasen die nötige Zerstreuung; eine
fortlaufend kleine Abwechslung in meinen Leben unter Dusche.
Das Shampoo war längst
aufgegessen, doch ich kannte kein Hungergefühl mehr, da mein Körper Wasser über
die Haut aufnahm und ich mich so praktisch satt trank. Schrumpelige
Fingerkuppen waren einst der Anfang gewesen, doch nun war ich durch das Wasser
so derartig aufgedunsen, dass ich mich zum Schlafen nicht mehr hinsetzen
musste. Mein Gewicht wurde nun gleichsam auf die Duschwände verteilt und ich
konnte bequem im Stehen schlafen.
Bestimmt waren Monate
vergangen, doch irgendwann wurde die Tür des Badezimmers aufgerissen und herein
kam – aus dem Mund blutend – Michael, der ein Stockwerk unter mir wohnte. Er
war wütend und gekommen, sich zu beschweren. Seit Tagen hatte es nicht
aufgehört, durch seine Decke zu tropfen.
Als ihm nach mehrmaligem
Klingen keiner die Wohnungstür geöffnet hatte, da hatte er sie einfach
eingetreten und war sofort über meinen vertrockneten Hund gestolpert, wobei er
sich den Mund aufschlug.
Um ihn zu beruhigen, bot ich
ihm an, mir für einen Moment unter der Dusche Gesellschaft zu leisten. Hier
könnte ich ihm meine Situation erklären und er könnte sich das Blut vom Mund
abwaschen.
Ich bat ihn, den nie in
Vergessenheit geratenen Schokoladenriegel aus dem Zahnputzbecher mitzubringen. Mit
der Zeit hatte ich vergessen, wie Schokolade schmeckt.
Michael nahm mein Angebot an
und folgte mir unter die Dusche. Er hatte den Schokoladenriegel mitgebracht,
doch ich musste zuschauen, wie er ihn aß, ohne mit mir zu teilen. Er war noch
immer sehr aufgebracht.
Die Zeit verging und Michael
blieb unter der Dusche. Hier sei es doch ganz schön, sagte er. Seine Wohnung
gleiche nun gewiss schon einem Aquarium, in dem nunmehr seine Katze voraussichtlich
mit dem Bauch nach oben triebe.
Mit der Zeit konnte ich beobachten,
wie auch Michaels Korpus das stetig fließende Wasser aufsog und zusehends
anschwoll. Bald waren unsere beiden Erscheinungen zu massig für die kleine
Dusche geworden.
Irgendwann hatte Michael
dann kein Wasser mehr abbekommen, da ich ihn versehentlich über die Zeit hinweg
langsam, doch unaufhörlich aus der Reichweite des Wasserstrahls gedrängt hatte.
Unsere Körper füllten die Dusche nun komplett aus, sodass eine Verbesserung von
Michaels Lage unmöglich geworden war. Wir konnten uns nicht bewegen, ja,
steckten in der Dusche fest.
Ohne wärmendes Wasser auf
der Haut hatte Michael angefangen zu frieren. Er war schlecht gelaunt und provozierte
bald einen Streit. In diesem bezichtigte er mich, ihm mutwillig aus lauter Gier
und Missgunst das Wasser vorzuenthalten. Ich wies diesen Vorwurf von mir, doch
Michael hatte sich bereits in Rage geredet und nun angefangen wild zu
strampeln.
Durch die Erschütterungen,
die Michael auslöste, brach das Glas vor der Dusche. Begleitet von tausenden in
der Feuchtigkeit wie Diamanten glitzernde Glassplitter fiel ich auf den
Fußboden des Badezimmers, wo ich auf meinem Gesicht liegen blieb.
Abseits der Dusche begann
ich schnell zu frieren. Die Tapete hatte sich durch die langwierige
Feuchtigkeit von den Wänden abgelöst und lag nun zu meinem bewegungsunfähigen
Körper. Hilflos konnte ich fühlen, wie meine Nase unter meinem Gewicht brach.
Da war sie also wieder, die
Realität, der ich einst so erfolglos versucht hatte zu entfliehen; kalt und
häßlich war sie, aus unzähligen kleinen Wunden blutend.
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