Sonntag, 18. November 2012

Zukunftsvisionen


Am Abend des 24. Dezembers, von einem Erdloch aus, inmitten eines wüsten Ödlandes, einem zerfurcht verwesenden Kadavers, der früher einmal ‚Deutschland’ hieß.

Liebes Väterchen Frost,
Der Wind pfeift so schneidend. Versuche ich mir mein eigen geschrieben Wort nochmals laut vorzulesen, so scheitere ich kläglich. Ich kann meine Stimme nicht hören – der Sturm, draußen vor dem Erdloch, das ich mein Heim nenne, saust mir zu laut in den Ohren.
Mir ist ganz kalt.
Hinter mir auf dem blanken Erdboden, da vermodern meine Gedanken, genauso wie die Fuhre verfaulender dänischer Drachenfrüchte. Ihre trüben Leichensäfte haben den Grund bereits durchgetränkt, auf dem ich später am Abend zu schlafen versuchen werde.
Ich habe Hunger, doch seit jegliche Form der Wirtschaft aufhörte zu existieren, gibt es nichts anderes mehr zu essen als eben jene solcher Früchte.
Wen ich für diese allerschlimmste jeglicher Plagen verantwortliche mache? Plötzlich war sie da – gekommen, um zu verwüsten – die dänische Drachenfrucht, Obst allen Übels.
Doch wie hatte es soweit kommen können? Im Nachhinein galt es soweit als erwiesen, dass man nichts hatte ahnen, unmöglich etwas wissen können.
Die holländische Tulpenhysterie 1637 laut der Experten nur ein vermeintlich ähnlicher Fall, in Wirklichkeit jedoch komplett unterschiedlich.
Zu greis, um sie ernst zunehmen. Zu altbacken, um noch etwas aus ihr zu lernen. Und spätestens seit 2014 war allgemein bewiesen: Geschichte wiederholt sich eben doch nicht.

Im Jahre 2021 gelang es dänischen Forschern nach jahrelangen grausam-ergebnislosen Experimenten chemisch eine Frucht zu entwickeln, unübertroffen an Aroma und Aussehen: die dänische Drachenfrucht. Letztendlich unterschied sich diese europäische Variante nicht wirklich von ihrer asiatischen Stiefschwester, die vor etlichen Jahren als Folge der Klimakriege ausgerottet worden war. Sie war vielleicht ein wenig saftiger, ein wenig pausbäckig-rosiger, ein wenig üppiger in ihrer Form, doch letztendlich mehr oder weniger das selbe Obst-Erzeugnis, das man in der Vergangenheit von unserem Planeten ausradiert hatte.
Vielleicht weil sie in der Zwischenzeit komplett aus dem Gedächtnis der Menschheit verschwunden war, sollte sich die dänische Drachenfrucht, als sie auf die Märkte der Welt zurückkehrte, allergrößter Beliebtheit erfreuen.
Schon bald war die sie saftig-triefend in aller Munde.
Noch am Anfang zum Hauptnahrungsmittel in der obdachlosen Szene erklärt, war sie nicht nur äußerlich perfekt und sättigend – nein, sie war vor allen Dinge bezahlbar, um nicht zu sagen: grotesk-günstig.
Dies sollte sich freilich alsbald ändern, denn mit der steigenden Nachfrage der Drachenfrucht vervielfachten sich auch blitzartig ihre Preise. Nach einem halben Jahr musste man für eine der dänischen Früchte eine Million US-Dollar bezahlen; und das taten die Leute auch. Bereitwillig nahm man Kredite auf, denn die Drachenfrucht war als größter Trend aller Zeiten prononciert.
Schließlich kippte die Stimmung. Es war ein Montag, an dem letztendlich herauskommen sollte, dass die dänische Drachenfrucht in Wirklichkeit AIDS auslöst.
Sofort versuchten die Menschen panisch zu verkaufen, doch es fanden sich keine Käufer mehr. Noch nicht einmal geschenkt wollte man eine der zuvor so geliebten Früchte entgegen nehmen.
Die Weltwirtschaft, die sich mittlerweile komplett auf dänische Drachenfrüchte fokussiert hatte, war zu schnell für tot erklärt, um ihren letzten Atem auszuhauchen.

Liebes Väterchen Frost,
nun kennst du meine Geschichte, geprägt von der Entwicklung der dämonisch dänischen Drachenfrucht. Du siehst mich heute bettelarm, mein Leben in einem Erdloch fristen. Ich habe mehrfach Aids und schlimmen Husten.
Vielleicht hast du ein paar warme Socken für mich – oder zur Abwechslung mal einen rot glänzenden Apfel?

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