Am Abend des 24. Dezembers,
von einem Erdloch aus, inmitten eines wüsten Ödlandes, einem zerfurcht
verwesenden Kadavers, der früher einmal ‚Deutschland’ hieß.
Liebes Väterchen Frost,
Der Wind pfeift so
schneidend. Versuche ich mir mein eigen geschrieben Wort nochmals laut
vorzulesen, so scheitere ich kläglich. Ich kann meine Stimme nicht hören – der Sturm,
draußen vor dem Erdloch, das ich mein Heim nenne, saust mir zu laut in den
Ohren.
Mir ist ganz kalt.
Hinter mir auf dem blanken
Erdboden, da vermodern meine Gedanken, genauso wie die Fuhre verfaulender
dänischer Drachenfrüchte. Ihre trüben Leichensäfte haben den Grund bereits
durchgetränkt, auf dem ich später am Abend zu schlafen versuchen werde.
Ich habe Hunger, doch seit
jegliche Form der Wirtschaft aufhörte zu existieren, gibt es nichts anderes
mehr zu essen als eben jene solcher Früchte.
Wen ich für diese
allerschlimmste jeglicher Plagen verantwortliche mache? Plötzlich war sie da –
gekommen, um zu verwüsten – die dänische Drachenfrucht, Obst allen Übels.
Doch wie hatte es soweit
kommen können? Im Nachhinein galt es soweit als erwiesen, dass man nichts hatte
ahnen, unmöglich etwas wissen können.
Die holländische Tulpenhysterie
1637 laut der Experten nur ein vermeintlich ähnlicher Fall, in Wirklichkeit
jedoch komplett unterschiedlich.
Zu greis, um sie ernst
zunehmen. Zu altbacken, um noch etwas aus ihr zu lernen. Und spätestens seit
2014 war allgemein bewiesen: Geschichte wiederholt sich eben doch nicht.
Im
Jahre 2021 gelang es dänischen Forschern nach jahrelangen grausam-ergebnislosen
Experimenten chemisch eine Frucht zu entwickeln, unübertroffen an Aroma und
Aussehen: die dänische Drachenfrucht. Letztendlich unterschied sich diese
europäische Variante nicht wirklich von ihrer asiatischen Stiefschwester, die
vor etlichen Jahren als Folge der Klimakriege ausgerottet worden war. Sie war
vielleicht ein wenig saftiger, ein wenig pausbäckig-rosiger, ein wenig üppiger
in ihrer Form, doch letztendlich mehr oder weniger das selbe Obst-Erzeugnis,
das man in der Vergangenheit von unserem Planeten ausradiert hatte.
Vielleicht
weil sie in der Zwischenzeit komplett aus dem Gedächtnis der Menschheit
verschwunden war, sollte sich die dänische Drachenfrucht, als sie auf die
Märkte der Welt zurückkehrte, allergrößter Beliebtheit erfreuen.
Schon
bald war die sie saftig-triefend in aller Munde.
Noch
am Anfang zum Hauptnahrungsmittel in der obdachlosen Szene erklärt, war sie
nicht nur äußerlich perfekt und sättigend – nein, sie war vor allen Dinge
bezahlbar, um nicht zu sagen: grotesk-günstig.
Dies
sollte sich freilich alsbald ändern, denn mit der steigenden Nachfrage der
Drachenfrucht vervielfachten sich auch blitzartig ihre Preise. Nach einem halben
Jahr musste man für eine der dänischen Früchte eine Million US-Dollar bezahlen;
und das taten die Leute auch. Bereitwillig nahm man Kredite auf, denn die
Drachenfrucht war als größter Trend aller Zeiten prononciert.
Schließlich
kippte die Stimmung. Es war ein Montag, an dem letztendlich herauskommen sollte,
dass die dänische Drachenfrucht in Wirklichkeit AIDS auslöst.
Sofort
versuchten die Menschen panisch zu verkaufen, doch es fanden sich keine Käufer
mehr. Noch nicht einmal geschenkt wollte man eine der zuvor so geliebten
Früchte entgegen nehmen.
Die
Weltwirtschaft, die sich mittlerweile komplett auf dänische Drachenfrüchte
fokussiert hatte, war zu schnell für tot erklärt, um ihren letzten Atem
auszuhauchen.
Liebes
Väterchen Frost,
nun
kennst du meine Geschichte, geprägt von der Entwicklung der dämonisch dänischen
Drachenfrucht. Du siehst mich heute bettelarm, mein Leben in einem Erdloch
fristen. Ich habe mehrfach Aids und schlimmen Husten.
Vielleicht
hast du ein paar warme Socken für mich – oder zur Abwechslung mal einen rot
glänzenden Apfel?
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