Charakternacht. Unter der
altersblind-trüben Beleuchtung der Bar hatte er es auf irgendeine Weise
vermocht, mich aufzuspüren und endlich, nachdem sich unsere Blicke ein paar mal
gekreuzt hatten, angesprochen. Tresengespräche geprägt von der Atmosphäre und
dem Rauch, der uns schließlich zu Kopf gestiegen war.
Zweimal „Whisky on the
Rocks“ hatte er bestellt – einen davon doppelt für sich. Das Glas in der Hand
kreisen lassen und dann ganz tief eintauchen in die Spirituose, nach deren
Genuss jeder ein bisschen so klingt wie Bill Withers. Aufgetaucht waren wir letztlich
als Freunde – für diesen Moment, für eine Nacht.
Da in meinem Kopf kein Platz
mehr für eigene Gedanken war, hatte ich seinem lockenden „Ganzer-Seemann-Bariton“
nachgegeben und mich für eine Weile in seinen Geschichten verloren. Irgendwann
war er dann ganz unruhig geworden und hatte mir mit fahrig-fieberhafter Stimme
anvertraut:
„Du wirst es doch niemandem
weitererzählen, ja? Du wirst zu keinem ein Wort sagen, zu niemandem nicht? Es
verhält sich nämlich so: Wir haben hier unten nur noch ein paar Wochen. Im
Dezember geht die Welt unter und die Menschheit mit ihr. Weißt du das? Die
Leute wollen nichts von einem Untergang hören. Doch es gab Zeichen. Nun, ich
habe diese Signale erkannt und ihnen Glauben geschenkt.
Auf einem riesigen Flamingo
– 5 Meter groß – den ich das gesamte letzte Jahr gehegt und gepflegt, speziell
genährt habe, damit er so groß wird, werde ich diesen Planeten verlassen, um
nach „Formalhaut“, ein soweit unentdeckter Zwillingsplanet des Merkur zu
reisen.
Auf Formalhaut existiert
kein Krieg, aber auch kein Frieden. Dafür ist dieser Planet ein exzellentes
Beispiel für Nachhaltigkeit – und das ist doch worauf es langfristig ankommt,
oder nicht? Alle dortigen Bewohner pflegen sich nur in Lokomotiven aus Milch
fortzubewegen. Kannst du dir das vorstellen? Freilich, es gibt dort auch keine
Sprache, so wie wir sie kennen. Stattdessen vermögen es die Bewohner aus Asche
Geräusche zu erzeugen, die fast wie Musik klingen. Sie kommunizieren durch
Musik! Ist das nicht unglaublich?
Warum ich noch niemandem
außer dir vom Planeten „Formalhaut“ erzählt habe, fragst du dich? Nun ja, ich
will ganz offen zu dir sprechen: Es handelt sich um eine Eigenart von mir.
Manchmal stelle ich mir vor, dass ich nicht der einzige Mensch auf der Welt
bin, der die Zeichen richtig zu deuten vermochte. Was ist, wenn manch anderer
auch etwas gesehen hat und schon dabei ist, seine persönliche Evakuierung zu
planen? Könntest du, wenn du an auf der Straße an mir vorbeiliefest erraten,
was ich vorhabe?
Wüsste ich nun also, dass
jemand anderes auf einen mir unbekannten Himmelskörper zu fliehen gedenkt, ein
Planetoid, der gar um ein Vielfaches herrlicher wäre als der mir bekannte „Formalhaut“,
so wäre ich gewiss mit meiner Entscheidung nicht mehr zufrieden. Ja, ich finge
an, mir Vorwürfe zu machen, diesen besseren Planeten nicht selbst entdeckt zu
haben. Freilich würde ich mich nicht vollends gut fühlen; lebendig, obgleich
wohl wissend, dass es anderen Menschen auf anderen Planeten besser ginge als
mir.
Diese Gedanken würden mich
so beschäftigen, dass ich überdies meine eigene Fluchtplanung zur Nebensache
erklären würde. Ganz unterbewusst.
Am Tag des Untergangs der
Erde – der Himmel hätte sich blutrot verfärbt, niederstürzende Meteoriten –
würde mir mein eigener unausgeführter Fluchtplan schlagartig wieder bewusst.
Doch es wäre alles zu spät. Ich würde sterben – einen Tod, so schrecklich anonym,
wohl wissend, dass es klügere Menschen gibt, die weiterleben.
Als man uns schließlich im
Morgengrauen hinauswarf, da hatte ich es eilig, von dem Fremden, der mich so
offenherzig über seine Pläne informiert hatte, fortzukommen. Wortkarg
verabschiedete ich mich und machte mich auf den Weg nach hause.
Dort angekommen, hinter der
verschlossen Tür, die Jalousien heruntergelassen, empfand ich so etwas wie
Mitleid für den Fremden.
Wusste er doch nicht, dass
auch ich den Plan hegte, den Planeten Erde zu verlassen. Vorige Woche war die
Bestätigung eingegangen: Ich besaß nun die Erlaubnis auf „Elysium_h9“
einzureisen.
Ein Planetoid, geschaffen
wie das Paradies.
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