Freitag, 23. November 2012

Der Plan


Charakternacht. Unter der altersblind-trüben Beleuchtung der Bar hatte er es auf irgendeine Weise vermocht, mich aufzuspüren und endlich, nachdem sich unsere Blicke ein paar mal gekreuzt hatten, angesprochen. Tresengespräche geprägt von der Atmosphäre und dem Rauch, der uns schließlich zu Kopf gestiegen war.
Zweimal „Whisky on the Rocks“ hatte er bestellt – einen davon doppelt für sich. Das Glas in der Hand kreisen lassen und dann ganz tief eintauchen in die Spirituose, nach deren Genuss jeder ein bisschen so klingt wie Bill Withers. Aufgetaucht waren wir letztlich als Freunde – für diesen Moment, für eine Nacht.
Da in meinem Kopf kein Platz mehr für eigene Gedanken war, hatte ich seinem lockenden „Ganzer-Seemann-Bariton“ nachgegeben und mich für eine Weile in seinen Geschichten verloren. Irgendwann war er dann ganz unruhig geworden und hatte mir mit fahrig-fieberhafter Stimme anvertraut:

„Du wirst es doch niemandem weitererzählen, ja? Du wirst zu keinem ein Wort sagen, zu niemandem nicht? Es verhält sich nämlich so: Wir haben hier unten nur noch ein paar Wochen. Im Dezember geht die Welt unter und die Menschheit mit ihr. Weißt du das? Die Leute wollen nichts von einem Untergang hören. Doch es gab Zeichen. Nun, ich habe diese Signale erkannt und ihnen Glauben geschenkt.
Auf einem riesigen Flamingo – 5 Meter groß – den ich das gesamte letzte Jahr gehegt und gepflegt, speziell genährt habe, damit er so groß wird, werde ich diesen Planeten verlassen, um nach „Formalhaut“, ein soweit unentdeckter Zwillingsplanet des Merkur zu reisen.
Auf Formalhaut existiert kein Krieg, aber auch kein Frieden. Dafür ist dieser Planet ein exzellentes Beispiel für Nachhaltigkeit – und das ist doch worauf es langfristig ankommt, oder nicht? Alle dortigen Bewohner pflegen sich nur in Lokomotiven aus Milch fortzubewegen. Kannst du dir das vorstellen? Freilich, es gibt dort auch keine Sprache, so wie wir sie kennen. Stattdessen vermögen es die Bewohner aus Asche Geräusche zu erzeugen, die fast wie Musik klingen. Sie kommunizieren durch Musik! Ist das nicht unglaublich?
Warum ich noch niemandem außer dir vom Planeten „Formalhaut“ erzählt habe, fragst du dich? Nun ja, ich will ganz offen zu dir sprechen: Es handelt sich um eine Eigenart von mir. Manchmal stelle ich mir vor, dass ich nicht der einzige Mensch auf der Welt bin, der die Zeichen richtig zu deuten vermochte. Was ist, wenn manch anderer auch etwas gesehen hat und schon dabei ist, seine persönliche Evakuierung zu planen? Könntest du, wenn du an auf der Straße an mir vorbeiliefest erraten, was ich vorhabe?
Wüsste ich nun also, dass jemand anderes auf einen mir unbekannten Himmelskörper zu fliehen gedenkt, ein Planetoid, der gar um ein Vielfaches herrlicher wäre als der mir bekannte „Formalhaut“, so wäre ich gewiss mit meiner Entscheidung nicht mehr zufrieden. Ja, ich finge an, mir Vorwürfe zu machen, diesen besseren Planeten nicht selbst entdeckt zu haben. Freilich würde ich mich nicht vollends gut fühlen; lebendig, obgleich wohl wissend, dass es anderen Menschen auf anderen Planeten besser ginge als mir.
Diese Gedanken würden mich so beschäftigen, dass ich überdies meine eigene Fluchtplanung zur Nebensache erklären würde. Ganz unterbewusst.
Am Tag des Untergangs der Erde – der Himmel hätte sich blutrot verfärbt, niederstürzende Meteoriten – würde mir mein eigener unausgeführter Fluchtplan schlagartig wieder bewusst. Doch es wäre alles zu spät. Ich würde sterben – einen Tod, so schrecklich anonym, wohl wissend, dass es klügere Menschen gibt, die weiterleben.

Als man uns schließlich im Morgengrauen hinauswarf, da hatte ich es eilig, von dem Fremden, der mich so offenherzig über seine Pläne informiert hatte, fortzukommen. Wortkarg verabschiedete ich mich und machte mich auf den Weg nach hause.
Dort angekommen, hinter der verschlossen Tür, die Jalousien heruntergelassen, empfand ich so etwas wie Mitleid für den Fremden.
Wusste er doch nicht, dass auch ich den Plan hegte, den Planeten Erde zu verlassen. Vorige Woche war die Bestätigung eingegangen: Ich besaß nun die Erlaubnis auf „Elysium_h9“ einzureisen.
Ein Planetoid, geschaffen wie das Paradies.



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