Samstag, 3. November 2012

Die Klimaveränderung


Am späteren Nachmittag begegnete ich zufällig an einer Bushaltestelle wartend meinem Bekannten Guido – ein guter Typ, eigentlich.
Guido hatte soeben eine Vorlesung über das Thema „Wissenschaft trägt Verantwortung“ mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit an der örtlichen Universität besucht und war noch immer ganz erfüllt davon.
Schon am Vormittag waren dunkle Wolken am Himmel aufgezogen. Diese hatten nun begonnen, sich zu entladen. Kalte, schwere Tropfen. In den Straßen sammelte sich zusehends das Wasser. Da sich der Bus verspäten sollte, begannen wir eine Unterhaltung.
„Ich will ja nicht den Finger erheben-“, eröffnete Guido und streckte prüfend eine Hand unter dem Dach der Bushaltestelle hervor. „Aber letztes Jahr war es zu dieser Jahreszeit um einiges besser, das Wetter. Ja, ich kann mich noch erinnern: Auf den Tag genau saßen wir draußen auf der Terrasse. Von einem ‚goldenen Herbst’ hatte man gesprochen. Dieses Jahr ist es ja offensichtlich anders. Die Klimaveränderung ist nah, fürchte ich. ‚Anzeichen!’, sage ich.“
„Guido...“, erwiderte ich, vielleicht ein wenig zänkischer, als ich eigentlich hatte antworten wollen. „Dass es nun so regnet, das hat eigentlich nichts mit der Klimaveränderung zu tun. Vielmehr damit, dass es Herbst ist. Ein Anzeichen für die Klimaveränderung, die nebenbei nicht irgendein Termin im Kalender ist, der von heute auf morgen vor der Tür steht, sondern ein Prozess, wären zum Beispiel Palmen hier in Norddeutschland.“
Guidos Antwort ging im Rauschen des verspäteten Buses unter, der plötzlich aus dem dichten Regen vor uns aufgetaucht war. Eine Silhouette, mächtig wie ein Wal, triefend, mit nach außen gewölbten Scheiben, im Zwielicht lumineszierend wie Augäpfel. Als sich die Türen öffneten, stiegen wir ein.
Im Bus war es trocken. Zusammen mit den einladend leeren Sitzen bot das Innere des öffentlichen Verkehrsmittels einen willkommenen Kontrast zu der Landschaft draußen, die nun durch den starken Platzregen und die schattenhaft einsetzende Dämmerung schemenhaft erkennbar nur so an mir vorbeizufliegen schien.
Soeben hatte ich unser Gesprächsthema von vorhin wieder aufnehmen wollen und hatte gerade meine Lippen für ein paar entschuldigende Worte an Guido für meine zuvor pejorative Antwort geöffnet, als der Bus plötzlich eine unerwartete Vollbremsung machte und ich durch den gesamten Wagen geschleudert wurde.

Ich musste bewusstlos gewesen sein. Wie lange wusste ich nicht. Doch als ich aufwachte, hatte sich die Welt um mich herum verändert.
Die zivilisierte Infrastruktur war tropischer Vegetation, Palmen, Kakteen, epiphytischen Orchideen gewichen. Die Überreste des starken Regens stiegen nun dampfartig auf. Ich schälte mich aus meiner Winterjacke. Auch die Temperaturen hatten sich verändert. Zuvor noch ungemütlich kalt, waren sie nun einer tropisch schwülen Hitze gewichen.
Ich blickte mich suchend nach Guido um, der just erwachte. Schweiß lief mir in die Augen, die ich ungläubig zukniff. Ein Blick aus dem zerborstenen Fenster des Buses heraus. Kein Lichtstrahl, da die dichte tropische Vegetation um mich herum jeglichen Sonnenstrahl verschluckte.
War es möglich? Die Klimaveränderung doch kein stetig schleichender Prozess? Behutsam waren wir aus dem Wrack des Buses gestiegen und befanden uns auf einem dichten Wurzelwerk, das aus dem Asphalt der Straße hervor gebrochen war.
Ob Effizienz- oder Suffizienstrategie – aller Strategien der Nachhaltigkeit hatten versagt.
Ein letzter, stiller Blick zu Guido bevor uns die unendliche Anonymität des Dschungels verschluckte und nie wieder ausspeien sollte.

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