Am späteren Nachmittag
begegnete ich zufällig an einer Bushaltestelle wartend meinem Bekannten Guido –
ein guter Typ, eigentlich.
Guido hatte soeben eine
Vorlesung über das Thema „Wissenschaft trägt Verantwortung“ mit dem Schwerpunkt
Nachhaltigkeit an der örtlichen Universität besucht und war noch immer ganz
erfüllt davon.
Schon am Vormittag waren
dunkle Wolken am Himmel aufgezogen. Diese hatten nun begonnen, sich zu
entladen. Kalte, schwere Tropfen. In den Straßen sammelte sich zusehends das
Wasser. Da sich der Bus verspäten sollte, begannen wir eine Unterhaltung.
„Ich will ja nicht den
Finger erheben-“, eröffnete Guido und streckte prüfend eine Hand unter dem Dach
der Bushaltestelle hervor. „Aber letztes Jahr war es zu dieser Jahreszeit um
einiges besser, das Wetter. Ja, ich kann mich noch erinnern: Auf den Tag genau
saßen wir draußen auf der Terrasse. Von einem ‚goldenen Herbst’ hatte man
gesprochen. Dieses Jahr ist es ja offensichtlich anders. Die Klimaveränderung
ist nah, fürchte ich. ‚Anzeichen!’, sage ich.“
„Guido...“, erwiderte ich,
vielleicht ein wenig zänkischer, als ich eigentlich hatte antworten wollen.
„Dass es nun so regnet, das hat eigentlich nichts mit der Klimaveränderung zu
tun. Vielmehr damit, dass es Herbst ist. Ein Anzeichen für die Klimaveränderung,
die nebenbei nicht irgendein Termin im Kalender ist, der von heute auf morgen
vor der Tür steht, sondern ein Prozess, wären zum Beispiel Palmen hier in
Norddeutschland.“
Guidos Antwort ging im
Rauschen des verspäteten Buses unter, der plötzlich aus dem dichten Regen vor
uns aufgetaucht war. Eine Silhouette, mächtig wie ein Wal, triefend, mit nach
außen gewölbten Scheiben, im Zwielicht lumineszierend wie Augäpfel. Als sich
die Türen öffneten, stiegen wir ein.
Im Bus war es trocken.
Zusammen mit den einladend leeren Sitzen bot das Innere des öffentlichen
Verkehrsmittels einen willkommenen Kontrast zu der Landschaft draußen, die nun durch
den starken Platzregen und die schattenhaft einsetzende Dämmerung schemenhaft
erkennbar nur so an mir vorbeizufliegen schien.
Soeben hatte ich unser
Gesprächsthema von vorhin wieder aufnehmen wollen und hatte gerade meine Lippen
für ein paar entschuldigende Worte an Guido für meine zuvor pejorative Antwort geöffnet,
als der Bus plötzlich eine unerwartete Vollbremsung machte und ich durch den
gesamten Wagen geschleudert wurde.
Ich musste bewusstlos
gewesen sein. Wie lange wusste ich nicht. Doch als ich aufwachte, hatte sich
die Welt um mich herum verändert.
Die zivilisierte
Infrastruktur war tropischer Vegetation, Palmen, Kakteen, epiphytischen
Orchideen gewichen. Die Überreste des starken Regens stiegen nun dampfartig
auf. Ich schälte mich aus meiner Winterjacke. Auch die Temperaturen hatten sich
verändert. Zuvor noch ungemütlich kalt, waren sie nun einer tropisch schwülen
Hitze gewichen.
Ich blickte mich suchend
nach Guido um, der just erwachte. Schweiß lief mir in die Augen, die ich
ungläubig zukniff. Ein Blick aus dem zerborstenen Fenster des Buses heraus. Kein
Lichtstrahl, da die dichte tropische Vegetation um mich herum jeglichen
Sonnenstrahl verschluckte.
War es möglich? Die
Klimaveränderung doch kein stetig schleichender Prozess? Behutsam waren wir aus
dem Wrack des Buses gestiegen und befanden uns auf einem dichten Wurzelwerk,
das aus dem Asphalt der Straße hervor gebrochen war.
Ob Effizienz- oder
Suffizienstrategie – aller Strategien der Nachhaltigkeit hatten versagt.
Ein letzter, stiller Blick
zu Guido bevor uns die unendliche Anonymität des Dschungels verschluckte und
nie wieder ausspeien sollte.
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