Donnerstag, 17. Mai 2012

Spiegelbilder


Also verlasse ich den Fußballplatz, da mich der Gedanke nicht loslässt, dass mir an diesem Tage anderswo etwas Gutes widerfahren wird. Ich habe kein Ziel.

Den anderen Spielern erzähle ich, dass eine alte Sportverletzung an meinem Knöchel mir wieder angefangen hat, Schmerzen zu bereiten. Als ich von einem der Mitspieler – einem Familienvater, dessen Art zu Sprechen erkennen lässt, dass das Altern ihm Sorgen verursacht, gefragt werde, um welchen Knöchel es sich handelt, antworte ich: „Es ist der linke.“ Dabei zeige ich auf meine rechtes Bein.

Auf dem Bahnhof beobachte ich die Menschen um mich herum. Ich sehe zu, wie sich ein Jugendlicher eine Zigarette mit nur einer Hand dreht. In Gedanken versunken stehe ich lange am falschen Gleis, bis ich erkenne, dass ich, um in die Stadt zu gelangen, am gegenüberliegenden Bahnsteig warten muss. Glücklicherweise verpasse ich meinen Zug nicht.

In der Bahn werde ich von einem Mädchen beobachtet. Ich lasse sie in dem Glauben, dass ich sie noch nicht bemerkt habe und kehre ihr den Rücken zu; doch In der Scheibe betrachte ich ihr Spiegelbild.
Neben mir sitzen zwei Studenten und führen eine Unterhaltung über ehemalige Sakralbauten im weißrussischen Brest. Als einer der beiden nach der Uhrzeit fragt, beginnt der andere in den Tiefen seiner Umhängetasche nach seinem Handy zu suchen. Da er es nicht sofort findet, halte ich dem Studenten, der sich zuvor nach der Uhrzeit erkundigte, mein eigenes Mobiltelephon hin. Er versteht nicht. Als er mich anblickt, zeige ich auf die digitale Uhr und sage: „Es ist achtzehn Uhr sieben.“ Er bedankt sich, doch ich kann ihm ansehen, dass er es lieber gehabt hätte, wenn der andere ihm die Uhrzeit statt meiner genannt hätte.
Fortan erscheint mir das Gespräch der beiden aufgesetzt und beabsichtigt ungezwungen. Sie wissen, dass ich zuhöre und obgleich es sie stört, wollen sie vor mir keine peinliche Stille aufkommen lassen.
Ich will mich erneut dem Spiegelbild des Mädchens in der Scheibe zuwenden, aber sie ist bereits ausgestiegen. Statt ihrer sitzt da nun Zeitung lesender Mann.
Als ich schließlich das Abteil verlasse, weiß ich, dass sich die Studenten nun wieder zwangloser unterhalten werden. Der, dem ich die Uhrzeit genannt habe, blickt auf seine Schuhspitzen.

Beim Verlassen des Bahnhofes mache ich mir Sorgen – ich frage mich, ob mir das Gute heute bereits widerfahren ist, ich es jedoch nicht bemerkt habe.
Ich denke besser nicht darüber nach.

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