Montag, 21. Mai 2012

Wie kalt ist es in deinem Gefrierschrank?


Sandfarbene Locken scheinen hell im Licht, zerbrechlich, so als würden sie zerspringen wie Eiszapfen, wenn man sie nur berührte. Sie liegen hübsch um das Angesicht des jungen Mädchens, umrahmen es; zärtlich drapiert und nie wieder bewegt.
Es ist ein Ausdruck der Kindlichkeit, der ruhig auf dem Gesicht des Mädchens liegt. Geschlossene Augen und die Lippen ein wenig geschürzt, friedvoll, so als träume sie.
Das Kleid, welches das Kind seit jeher trägt, sieht aus wie am ersten Tage, unbenutzt und erhalten. Der blaue Stoff fühlt sich hart und spröde an; die Farbe war vielleicht ein wenig satter, als das Kleid noch im Schaufenster hing.
Ein paar Augenblicke noch steht die Mutter vor der geöffneten Kühltruhe, in der das tote Kind liegt. Dann wird es wieder dunkel um den erstarrten Körper.
Rasch schließt die Mutter die Kühltruhe wieder und verlässt den Keller. Sie eilt die hölzerne Treppe nach oben, den wärmenden Sonnenstrahlen entgegen, wo sie Gelächter vernimmt. Die Anderen und der Jüngste lärmen im Garten.
In der Hand hält sie das Erdbeereis, das sie zuvor der Kühltruhe entnommen hatte.
In der offenen Küchentür da wartet Frank. Die Nachmittagssonne vergoldet sein blondes Haar, ganz liebevoll sieht er aus, sie anlächelnd.
Einen Kindergeburtstag ohne Eis; das kann sie sich nicht vorstellen – und Frank, der weiß, dass sie auch früher schon eine gute Mutter war.

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