Donnerstag, 28. Juni 2012

Der 22. Juni, EM Spiel: Deutschland - Griechenland


Ja, wenn man einem der online im Vorfeld des EM – Spiels Deutschland – Griechenland veröffentlichten Plakaten Glauben schenken mag, dann ist der 22. Juni deklariert als „Zahltag“.
Zahlen soll Griechenland, der Schuldner Europas und in diesem Fall bestes Beispiel dafür, dass Sport verbindet: Menschen verschiedener Herkunft, Können und Glück und eben auch Fußball mit Wirtschaftspolitik, denn in und um die Stadien dieser Welt findet alles seinen Platz; nur eben nicht der Rassismus.
Wirtschaftlich das gesamte Griechenland ein Schuldner und eben darum nun also auch sportlich gegen Deutschland in der Bringschuld wie Jerome Boateng nach Gina-Lisa.
Griechenland, vom sympathisch-schüchternen Mehmet Scholl zum „Viertelfinalgegner mit einer Schleife darum“ erklärt – ein geschenkter Sieg.
Also was sprach generell noch gegen einen Triumph der deutschen Mannschaft an diesem Abend? Jerome Boateng hatte seine Sache letztendlich gegen Ronaldo ja auch ganz gut gemacht.
Deshalb: Die Stimmung nicht nur in Fußballhamburg sonnig auf meinem Weg zum Fan-Fest auf dem Heiligengeistfeld. Nur am Himmel sind dunkle Wolken aufgezogen. Tatsächlich lässt der Regen, angekommen beim Public Viewing, nicht lange auf sich warten. Ich habe keinen Schirm, also ziehe ich mich ins „Michelangelo“, ein nahegelegenes italienisches Restaurant, zurück.
Da sich auch der Eigentümer Angelo sicher ist: Deutschland zieht ungeschlagen ins Halbfinale ein, kann das Spiel nun also beginnen, entspannt mit einer Pizza Napoli im Trockenen und Platzregen draußen vor dem Fenster.
Als Deutschland gegen Griechenland zur Halbzeit führt, hat der Regen nachgelassen und ich habe den Entschluss gefasst, dem hamburger Fan-Fest doch noch einen Besuch abzustatten.
Als ich jedoch meine Pizza bezahlen will, stelle ich fest, dass ich kein Geld mehr habe. Irgendwie müssen das „Michelangelo“ und ich nun „verbleiben“. Ich gebe mein Iphone in Pfand und verspreche später noch einmal mit Geld vorbeizukommen.  

Auf dem heiligen Geistfeld trägt man an diesem Abend mehrheitlich Übergewicht und Deutschlandtrikot.
Die vom Regen verschmierte schwarz-rot-goldene Gesichtsbemalung vieler Deutschlandfans gleicht nun vielmehr verheulter Mascara, doch um mich herum: Allgemeine Heiterkeit.
Man hat schon getrunken, dänisches Carlsberg, doch der Durst lässt sich nicht vertreiben. Genauso wie die gute Laune.
„Deutschland?“, fragt es aus den Lautsprechen, das „an“ ganz langgezogen. „Eins!“, antwortet die Menge einstimmig. „Griechenland?“, fragt es erneut. „Null!“, die Menge.
Alles läuft nach Plan.
Als nach 55 Minuten dann plötzlich der Ausgleich steht, will man das Ergebnis nicht so recht wahrhaben. Ich schaue mich um und blicke in deutsche Fangesichter, mehr grinsend als ungläubig. An einen Sieg der Griechen glaubt hier niemand.
Und tatsächlich geht Deutschland in der 61 Minute erneut in Führung. Der Torschütze Samy Khedira bestätigt, was der Mann neben mir schon immer wusste: Er ist ein guter Typ.
Es ist die 67 Minute. Andre Schürrle wird ausgewechselt. „Ja, weg mit ihm!“, kommentiert der Mann neben mir und schaut mich Achtung heischend an. Ich nicke ihm zu und nehme seinen Kommentar zum Anlass, ihn genauer zu betrachten: Eckige Matthias Opdenhövel-Brille, Nivea-Deutschlandtrikot „Jogis 12. Mann“, Cargo Hosen, eine recht normale Frisur. Ich muss zugeben: Äußerlich nicht die Person, der ich pauschale Fußball-Weisheiten zutraue, dafür fehlt ihm der Schnauzer – oder zumindest das Übergewicht. Mehr so der Student.
Und, wer ist denn eigentlich dieser Andre Schürrle, der sich soeben auf der Ersatzbank niedergelassen hat? Ja, mein Fußballwissen war 2006 auch mal größer.
Mein Blick fällt auf eine Gruppe deutschlandfarbener Mädchen, die ein paar Schritte entfernt von mir lärmen. Ach so, es steht drei zu eins für Deutschland.
Es ist diese Art größtenteils femininer Fußball – Party – Patriotismus verbunden mit meinen fehlenden Wissen über die deutsche Mannschaft, die mich inmitten der allgemeinen Freude nachdenklich werden lässt. Deutschlandfan, alle zwei Jahre mal – werde ich jetzt auch so? Ich springe besser ein wenig auf und ab.
Man spritzt mit Bier. Auch, wenn das Spiel noch nicht beendet ist, nun steht fest: Deutschland wird gewinnen.
Das folgende 4:1 geht im Jubel unter. In meiner Nähe zündet sich eine Gruppe Männer eine Zigarre an. Siegeszigarre.
Close up: Das Gesicht eines griechischen Fans füllt die gesamte Leinwand des Public Viewings aus. Blutunterlaufene Augen, die untere Hälfte des blau-weiß geschminkten Gesichts in der Hand vergraben.

Hätte man im Wettbüro an diesem Tag 10 Euro auf Griechenland gesetzt, so hätte man 180 Euro gewonnen. Ich habe nicht gewettet, denn es gab niemanden, der im Vorfeld der deutschen Mannschaft ernsthaft eine Niederlage zugetraut hätte – jedenfalls nicht hier.
Doch das kummervolle Gesicht des griechischen Fans zeigt mir inmitten dieser schwarz-rot-goldenen Deutschlandparty, dass es auch Menschen gibt, die auf einen Sieg der Hellenen gehofft hatten.
Ich will das Heiligengeistfeld verlassen. Kurz bevor ich den Ausgang erreicht habe, fällt das 4:2. Euphorisch winkt man den gegnerischen Treffer ab. Ja, jetzt gönnt man den Griechen alles – nur eben keinen Sieg.
In der Ferne wird ein Feuerwerk gezündet.
Für den Begriff „Zahltag“ ist nach diesem Spiel wahrlich kein Platz mehr vorhanden, das Ergebnis zu eindeutig. Man will ja auch kein Salz in die Wunde streuen. Mit vier Gegentreffern im Viertefinale ausgeschieden. Für Griechenland bleibt nur die Fahrt nach hause und abseits des Fußballplatzes eine ernste von der Schuldenkrise geprägte Realität.

Alles, was nun für mich bleibt, ist dieser Abend im Juni, nass und schwül ist er, geschwängert von Fangesängen und nochmal ins „Michelangelo“ – Schulden begleichen.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen