Ja, wenn man einem der online im Vorfeld des EM
– Spiels Deutschland – Griechenland veröffentlichten Plakaten Glauben schenken
mag, dann ist der 22. Juni deklariert als „Zahltag“.
Zahlen soll Griechenland, der Schuldner Europas
und in diesem Fall bestes Beispiel dafür, dass Sport verbindet: Menschen
verschiedener Herkunft, Können und Glück und eben auch Fußball mit Wirtschaftspolitik,
denn in und um die Stadien dieser Welt findet alles seinen Platz; nur eben
nicht der Rassismus.
Wirtschaftlich
das gesamte Griechenland ein Schuldner und eben darum nun also auch sportlich gegen
Deutschland in der Bringschuld wie Jerome Boateng nach Gina-Lisa.
Griechenland,
vom sympathisch-schüchternen Mehmet Scholl zum „Viertelfinalgegner mit einer
Schleife darum“ erklärt – ein geschenkter Sieg.
Also was
sprach generell noch gegen einen Triumph der deutschen Mannschaft an diesem
Abend? Jerome Boateng hatte seine Sache letztendlich gegen Ronaldo ja auch ganz
gut gemacht.
Deshalb: Die Stimmung
nicht nur in Fußballhamburg sonnig auf meinem Weg zum Fan-Fest auf
dem Heiligengeistfeld. Nur am Himmel sind dunkle Wolken aufgezogen. Tatsächlich
lässt der Regen, angekommen beim Public Viewing, nicht lange auf sich warten. Ich
habe keinen Schirm, also ziehe ich mich ins „Michelangelo“, ein nahegelegenes
italienisches Restaurant, zurück.
Da sich auch
der Eigentümer Angelo sicher ist: Deutschland zieht
ungeschlagen ins Halbfinale ein, kann das Spiel nun also beginnen, entspannt
mit einer Pizza Napoli im Trockenen und Platzregen draußen vor dem Fenster.
Als
Deutschland gegen Griechenland zur Halbzeit führt, hat der Regen nachgelassen
und ich habe den Entschluss gefasst, dem hamburger Fan-Fest doch noch einen
Besuch abzustatten.
Als ich jedoch
meine Pizza bezahlen will, stelle ich fest, dass ich kein Geld mehr habe.
Irgendwie müssen das „Michelangelo“ und ich nun „verbleiben“. Ich gebe mein
Iphone in Pfand und verspreche später noch einmal mit Geld vorbeizukommen.
Auf dem
heiligen Geistfeld trägt man an diesem Abend mehrheitlich Übergewicht und
Deutschlandtrikot.
Die vom Regen
verschmierte schwarz-rot-goldene Gesichtsbemalung vieler Deutschlandfans
gleicht nun vielmehr verheulter Mascara, doch um mich herum: Allgemeine
Heiterkeit.
Man hat schon
getrunken, dänisches Carlsberg, doch der Durst lässt sich nicht vertreiben.
Genauso wie die gute Laune.
„Deutschland?“,
fragt es aus den Lautsprechen, das „an“ ganz langgezogen. „Eins!“, antwortet
die Menge einstimmig. „Griechenland?“, fragt es erneut. „Null!“, die Menge.
Alles läuft
nach Plan.
Als nach 55
Minuten dann plötzlich der Ausgleich steht, will man das Ergebnis nicht so
recht wahrhaben. Ich schaue mich um und blicke in deutsche Fangesichter, mehr
grinsend als ungläubig. An einen Sieg der Griechen glaubt hier niemand.
Und
tatsächlich geht Deutschland in der 61 Minute erneut in Führung. Der Torschütze
Samy Khedira bestätigt, was der Mann neben mir schon immer wusste: Er ist ein
guter Typ.
Es ist die 67
Minute. Andre Schürrle wird ausgewechselt. „Ja, weg mit
ihm!“, kommentiert der Mann neben mir und schaut mich Achtung heischend an. Ich
nicke ihm zu und nehme seinen Kommentar zum Anlass, ihn genauer zu betrachten:
Eckige Matthias Opdenhövel-Brille, Nivea-Deutschlandtrikot „Jogis
12. Mann“, Cargo Hosen, eine recht normale Frisur. Ich muss zugeben: Äußerlich
nicht die Person, der ich pauschale Fußball-Weisheiten zutraue, dafür fehlt
ihm der Schnauzer – oder zumindest das Übergewicht. Mehr so der Student.
Und, wer ist
denn eigentlich dieser Andre Schürrle, der sich soeben auf der Ersatzbank
niedergelassen hat? Ja, mein Fußballwissen war 2006 auch mal größer.
Mein Blick
fällt auf eine Gruppe deutschlandfarbener Mädchen, die ein paar Schritte
entfernt von mir lärmen. Ach so, es steht drei zu eins für Deutschland.
Es ist diese
Art größtenteils femininer Fußball – Party – Patriotismus verbunden mit meinen
fehlenden Wissen über die deutsche Mannschaft, die mich inmitten der
allgemeinen Freude nachdenklich werden lässt. Deutschlandfan, alle zwei Jahre
mal – werde ich jetzt auch so? Ich springe besser ein wenig auf und ab.
Man spritzt
mit Bier. Auch, wenn das Spiel noch nicht beendet ist, nun steht fest:
Deutschland wird gewinnen.
Das folgende 4:1
geht im Jubel unter. In meiner Nähe zündet sich eine Gruppe Männer eine Zigarre
an. Siegeszigarre.
Close up: Das
Gesicht eines griechischen Fans füllt die gesamte Leinwand des Public Viewings
aus. Blutunterlaufene Augen, die untere Hälfte des blau-weiß geschminkten
Gesichts in der Hand vergraben.
Hätte man im
Wettbüro an diesem Tag 10 Euro auf Griechenland gesetzt, so hätte man 180 Euro
gewonnen. Ich habe nicht gewettet, denn es gab niemanden, der im Vorfeld der
deutschen Mannschaft ernsthaft eine Niederlage zugetraut hätte – jedenfalls
nicht hier.
Doch das
kummervolle Gesicht des griechischen Fans zeigt mir inmitten dieser
schwarz-rot-goldenen Deutschlandparty, dass es auch Menschen gibt, die auf
einen Sieg der Hellenen gehofft hatten.
Ich will das
Heiligengeistfeld verlassen. Kurz bevor ich den Ausgang erreicht habe, fällt
das 4:2. Euphorisch winkt man den gegnerischen Treffer ab. Ja, jetzt gönnt man
den Griechen alles – nur eben keinen Sieg.
In der Ferne
wird ein Feuerwerk gezündet.
Für den
Begriff „Zahltag“ ist nach diesem Spiel wahrlich kein Platz mehr vorhanden, das
Ergebnis zu eindeutig. Man will ja auch kein Salz in die Wunde streuen. Mit
vier Gegentreffern im Viertefinale ausgeschieden. Für Griechenland bleibt nur
die Fahrt nach hause und abseits des Fußballplatzes eine ernste von der
Schuldenkrise geprägte Realität.
Alles, was nun
für mich bleibt, ist dieser Abend im Juni, nass und schwül ist er, geschwängert
von Fangesängen und nochmal ins „Michelangelo“ – Schulden begleichen.
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