Montag, 18. Juni 2012

Diktatoren, der dritte Teil


Mein Vater kann so nett sein, habe ich gemerkt, doch ist er immer nur nett, wenn er nicht zu hause ist. Zu hause ist er gemein zu uns, zu meiner Mutter und mir und zu unserem Hund.
Da streiten sich meine Eltern immer und dann nimmt mein Vater meiner Mutter immer Sachen weg, die sie zum Leben braucht, wie die Fernbedienung oder die Autoschlüssel. Zu hause unterdrückt mein Vater uns, genauso wie Hitler, der den Juden auch lebenswichtige Sachen weggenommen hat und ihnen viel verboten hat. Aber das sage ich meinem Vater nicht, denn er würde sehr wütend werden und ganz fürchterlich mit mir schimpfen und ich müsste mich an die Wand stellen, für eine halbe Stunde oder auch für länger.

Hitler beschäftigt mich. Seit der einen Nacht, in der mein Vater mir von Hitler erzählt hat, muss ich immer an ihn denken. Und mir fällt auf, dass heute viele Leute Hitler ähnlich sind. Viele Menschen tun böse Dinge, die Hitler auch gemacht hat. Und wenn ich jetzt Bilder male, dann sehen alle Leute, die ich nicht mag, aus wie Hitler. Und Hitler hatte auch ein Symbol. Es heißt Hakenkreuz. Und als ich es mit einem Stein in den Lack vom Auto meines Vaters gekratzt hab, wurde er wieder fürchterlich wütend und hat geschrieen.

Wenn mein Vater so zu meiner Mutter ist, dann macht mich das traurig und auch wütend. Dann bekomme ich in der Nacht Alpträume und am nächsten Tag in der Schule bin ich dann schlecht gelaunt und frech zu Fräulein Krieger.

Wie an dem Tag, als meine Klasse einen Ausflug gemacht hat und ich so wütend auf den bösen Michi wurde, weil er mich die ganze Zeit ärgerte und mich einen Juden nannte, dass ich ihn, als er Charlotte einen seiner gelb – goldenen Sterne ins Auge drückte, auf die Straße geschubst hab und er überfahren wurde.
Jetzt ist der böse Michi tot. Und Fräulein Krieger, die ist auch tot, denn die ist nach dem Michi auf die Straße gelaufen, um nach ihm zu sehen und wurde auch überfahren.
Und mein Vater, der ist weg. Der ist nämlich jetzt im Gefängnis, weil er nicht auf mich aufgepasst hat und weil er meine Mutter bedroht hat.
Aber dass meine Mutter nun glücklicher ist, jetzt wo mein Vater weg ist, nein, das denke ich nicht, denn sie macht immer ein trauriges Gesicht. Ich bin auch ein bisschen traurig. Vielleicht mochte sie meinen Vater ja doch ganz gerne.

Meine neue Schule ist eine besondere Schule. Ich wohne hier auch. Alle sind nett zu mir und kümmern sich viel um mich. Trotzdem wird mein Zimmer zur Nacht abgeschlossen und ich kann nicht noch einmal aufstehen und zur Toilette gehen.
Rausgucken kann man auch nicht so gut, denn vor den Fenstern sind Gitter.

Viel Ärger habe ich für die Sache mit dem bösen Michi und Fräulein Krieger nicht bekommen, ich denke, die anderen sind einfach glücklich, weil die beiden jetzt niemanden mehr ärgern. Deshalb hätte vielleicht auch jemand Hitler auf die Straße schubsen sollen, als er noch ganz klein war.

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