Donnerstag, 14. Juni 2012

Diktatoren, der zweite Teil


Und nach dem Erwachsenengespräch haben wieder alle ganz fürchterlich geschimpft mit mir und jetzt darf ich den bösen Michi nicht mehr angucken.
Und das ist ganz fürchterlich ungerecht, denn der böse Michi guckt mich immer an. Der böse Michi wirft auch mit Sachen nach mir, wenn Fräulein Krieger nicht guckt. Einmal hat er im Unterricht den Klassenleguan nach mir geworfen. Und ein anderes Mal da hat der böse Michi das Klassenprojekt Hühnerei nach mir geworfen und das ist dann kaputt gegangen und mein ganzes Haar war voller Hühnerei und ich habe angefangen zu weinen und alle haben gelacht und ich habe stärker geweint und alle haben stärker gelacht und Fräulein Krieger, die auch gelacht hat, hat mir dann einen gelb – goldenen Stern weggenommen, für mein schlechtes Betragen.
Und wenn ich aufs Klo gehe, dann ist der böse Michi schon da und zwingt mich Seife zu essen. Und wenn ich in die Klasse gehe, dann wirft der böse Michi mit Sachen nach mir. Und wenn ich raus auf den Schulhof gehe, dann ist der böse Michi auch schon da und zwingt mich Sand zu Essen. Und wenn ich dann wieder nach drinnen gehe, dann folgt mir der böse Michi und wirft mit Sand nach mir. Und wenn dann die Schule aus ist und es nicht Montags oder Mittwochs ist, dann war der böse Michi schon da und hat die Luft aus meinen Fahrradreifen gelassen.
Und Fräulein Krieger, die ja eigentlich gelb – goldene Sterne verteilt und zu vielen Kindern unfreundlich ist, außer zu Erwachsenen und dem bösen Michi, nimmt mir meine gelb – goldenen Sterne weg.
So ist es jeden Tag.

Einmal hat mein Vater mit mir vor dem ins Bett gehen über Hitler gesprochen, weil er meinte, ich müsse mich mit unserer deutschen Geschichte auseinander setzen. Und er hat mir auch erklärt, dass Hitler ein sehr böser Mensch war, der auch gelb – goldene Sterne an die Juden verteilte.
Ich konnte diese Nacht nicht schlafen, weil ich die ganze Zeit über Hitler nachdenken musste. Ich mag diesen Hitler nicht, weil er böse Sachen gemacht hat und gemein zu den Juden war. Das erinnert mich an Fräulein Krieger, die auch gelb – goldene Sterne verteilt und den bösen Michi. Beide sind auch jeden Tag ganz schrecklich gemein zu mir.

Und als Fräulein Krieger am nächsten Tag in der Schule gemein zu mir war, da hab ich sie einfach „Hitler“ genannt. Und dann haben alle, also der Direktor, meine Eltern und Fräulein Krieger mit mir geschimpft, so doll wie, als mich der böse Michi gezwungen hatte, die Sterne auf seiner Unterhose zu zählen.
Und dann hatten alle ein Erwachsenengespräch, also nicht die Art wie mein Vater und Fräulein Krieger immer haben. Nein, die andere Art. Und dann haben sie gesagt, dass es vielleicht besser wäre, wenn ich auf eine andere Schule ginge. Und das freute mich, denn dann wäre ich ja weg von Fräulein Krieger und dem bösen Michi und die beiden könnten mich nicht mehr ärgern.

Jetzt bin ich aber immer noch hier, denn mein Vater war sehr nett zu allen und hat durchgesetzt, dass ich auf dieser Schule bleibe. Es hat sich nicht so viel geändert, nur dass Fräulein Krieger mich noch weniger mag, der Michi noch gemeiner zu mir ist und ich jetzt mit keinem anderen mehr spielen darf, weil die Eltern der anderen Kinder von dieser Geschichte gehört haben und mich jetzt auch nicht mehr mögen.

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